Wieso leide ich an einer Essstörung?

Die Antwort auf diese Frage ist komplex.

Und es könnte sein, dass du einige Teile davon nicht hören magst.

Essstörung: Warum gerade ich?

Der Wunsch nach rascher Lösung

Wir wünschen uns so sehr, dass es diesen einen Grund gäbe.

Den könnten wir dann bearbeiten und beseitigen und wären damit rasch glücklich und frei.

Doch so einfach ist es leider nicht.

Denn selbst wenn wir vom Kopf her alle Gründe kennen sollten, bleibt es dennoch schwierig, die geeigneten Veränderungen einzuleiten.

Es braucht neue, funktionierende Strategien

Wir können uns von alten Mustern nicht über Nacht trennen, egal wie sehr wir es wollen. Denn diese Muster waren sehr wichtig für uns und unser Leben.

Sie werden erst dann gehen, wenn wir neue, zumindest gleich gut funktionierende Strategien gefunden haben.

Viele Einflussfaktoren greifen ineinander

Es gibt viele Einflussfaktoren, die ineinander greifen und letztendlich zu einer Essstörung führen.

Einige davon sind uns bewusst, die meisten nicht.

Letzteres ist manchmal schwer zu begreifen.

Vieles läuft unbewusst ab

Denn wir denken vielleicht, dass wir ja schließlich unser ganzes Leben miterlebt hätten und genau wissen müssten, was uns belastet.

Doch dem ist nicht so.

Vieles wird ausblendet, abspalten, verdrängt.

Überlebensstrategie

Das ist eine Strategie unseres Systems, um gut im Alltag funktionieren zu können, auch wenn wir in einem dysfunktionalen Umfeld aufwachsen mussten oder vielleicht immer noch leben.

Der Weg aus der Essstörung

Übersichtsgrafik

Im Oktober bzw. November werde ich zwei Interviews zum Thema Trauma und Essstörungen geben, daher beschäftige ich mich gerade wieder intensiv mit dieser Thematik.

Daraus entwickelte sich ein interessanter fachlicher Austausch mit meiner Kollegin Claudia Münstermann aus Aachen, die ebenfalls auf das Thema emotionales Essen spezialisiert ist.

Der Austausch von Claudia und mir mündete in folgender Übersichtsgrafik:

Ursache von Essstörungen

Die Grafik dient dazu, dir einen ersten Überblick zu geben, wie komplex das Thema Essstörungen ist.

Wenn du möchtest, kannst du die Grafik hier herunterladen oder ausdrucken:

Trauma als Ursache von Essstörungen

Wenn wir an einer Essstörung leiden, sind wir irgendwann physisch oder psychisch verletzt wurden, vielleicht sogar beides.

Für Verletzung gibt es noch ein anderes Wort, nämlich Trauma. Dieses Wort stammt ursprünglich aus dem Griechischen.

Wenn wir den Begriff „Trauma“ hören, denken wir oft an einmalige, sehr schlimme Ereignisse.

Die Summe vieler kleiner Verletzungen kann traumatisieren

Das war der Grund, wieso ich den Begriff Trauma lange Zeit nicht mit meiner Geschichte in Verbindung bringen konnte. Schließlich wurde ich weder geschlagen noch sexuell missbraucht. (Glücklicherweise!) Ich hatte auch keine großen Unfälle.

Dabei sind es nicht nur solcherlei großen Ereignisse, die uns verletzen und uns damit dauerhaften Schaden zufügen können.

Dies können auch die viele kleinen verletzenden Ereignisse des Lebens anrichten, die sich dann zu einem großen Ganzen summieren.

Entwicklungstrauma

Der Fachbegriff dafür lautet „Entwicklungstrauma“.

Dazu können auch die vielen, scheinbar unwichtigen Begebenheiten zählen, die wir als „war ja nicht so schlimm“ oder „andere trifft es wesentlich härter als mich“ abgespeichert haben.

Folgender Blog-Artikel bietet dir einen Überblick und damit Einstieg in das Thema Trauma: Trauma: Ich doch nicht! Oder etwa doch?

Falls du mehr über meine persönliche Geschichte lesen möchtest, empfehle ich dir mein Buch „Essanfälle adé“ zu kaufen:

Zusätzliche Faktoren, die auf Essen und Körper bezogen sind

Auf das Trauma, das an der Basis wirkt, rieseln dann noch andere Begebenheiten oben drauf, sozusagen.

Hier einige Beispiele dafür:

Hohes Schönheitsideal

Beispielsweise gibt es eine Familienkultur, in der Äußerlichkeiten eine große Rolle spielen: Der Wert des Kindes steigt, je schöner es ist.

Es kann daher sein, dass das Kind auch später versuchen wird, dem Schönheitsideal der Gesellschaft zu entsprechen.

Stress am Esstisch

Oder es herrscht großer, täglicher Stress am Esstisch, weil z.B. das Essverhalten kritisch beäugt wird oder abwertende Meldungen immer ausgerechnet während der gemeinsamen Mahlzeiten auf das Kind herabprasselt.

Abwertung des Körpers

Oft beziehen sich Abwertungen auf den Körper z.B. „du hast dicke Knie“ oder „dein Bauch ist zu dick“ oder „du siehst aus, wie die Venus von Willendorf“ oder „du gehst wie ein Elefant“.

Wohl gemerkt: Diese Aussagen können bei allen Körper-Formen passieren, egal ob eine Person tatsächlich dick ist oder nicht.

Diese Abwertungen führen dazu, dass sich das Kind bereits in frühen Jahren als nicht schön genug oder als zu dick erlebt.

Mangelnde Vorbilder für ein gesundes Körperbild

Ein anderer Aspekt ist die mangelnde Vorbildwirkung der nahen Bezugspersonen. Diese kann dazu führen, dass ein Kind nicht lernen kann, sich anzunehmen, wie es ist.

Da gibt es beispielsweise Sätze wie „Wenn du so viel isst, wirst du eines Tages so hässlich aussehen wie ich.“

Spaltung zwischen Geschwistern

Eine toxische Familienumgebung kann auch dazu führen, dass eine Spaltung zwischen Geschwistern forciert wird.

Wenn z.B. die erste Tochter körperlich nach der Mutter kommt (zart, schlank) und die zweite Tochter nach dem Vater (breiter Rücken, muskulös), kann es sein, dass zweitere gehänselt oder abgewertet wird.

Abwertungen von Respektspersonen

Wenn ein Kind mit niedrigem Selbstwert zusätzlich Abwertung von vermeintlichen Respektspersonen erfährt, kann es sein, dass es sich diese ein Leben lang merkt.

Ein Beispiel dafür ist dieser Satz der Ballett Lehrerin zu einem 6 jährigen Mädchen: „Du siehst aus, wie ein weißer Mehlsack“.

Oder der Satz im Sportclub vom Trainer „Du musst abnehmen, sonst wird das nichts.“

Oder der besorgte Blick bei jedem Arztbesuch: „Du musst wirklich aufpassen mit deinem Gewicht!“

Abspaltung vom Körper

Trauma führt oft zu einer Abkoppelung vom Körper, weil es gefährlich oder unerwünscht ist, Gefühle und Bedürfnisse zu haben oder zu artikulieren.

Langfristig kann das beispielsweise dazu führen, dass betroffene Mensch nur schwer die Verbindung zu den Hunger- und Sättigungsgefühlen finden.

Regulation mit Essen

Wenn ein Kind nicht durch Co-Regulation der Bezugspersonen lernt, sich selbst zu beruhigen, braucht es eine andere Strategie. Oft ist es dann das Essen, das Abhilfe verschafft. Denn wir lernen bereits als Baby, dass Essen beruhigt.

Manchmal wird diese Beruhigung auch aktiv von den Bezugspersonen eingesetzt: Statt Co-Regulation von Gefühlen gibt es Schokolade.

Essen erfüllt viele Funktionen

In einem traumatisierten System erfüllt Essen sehr viele Funktionen.

Das Essen dient nämlich nicht nur der physischen Versorgung, sondern es geht um so viel mehr.

Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme

Es beginnt, sobald wir auf der Welt sind:

Stell dir ein neugeborenes Baby vor.

Es wird (idealerweise) an die Brust der Mutter gelegt und mittels saugen, Körperkontakt und Nahrungsaufnahme erfolgt (idealerweise) die erste Bindung.

Das ist ein Prozess, der tief in uns gespeichert ist.

Nahrung ist also so viel mehr als bloß eine Kalorienbilanz.

Es spendet Trost, Wärme, Nähe, Verbindung, Liebe, reguliert unsere Gefühle, beruhigt, schenkt Freude, füllt Leere und vieles mehr.

Essen als Rettungsanker in einer dysfunktionalen Umgebung

Wenn aufgrund einer Traumatisierung das Essen die Funktion eines Rettungsankers übernimmt, bekommt es noch größere Wichtigkeit.

Wächst man in einer dysfunktionalen Umgebung auf, gibt es einige Dinge, die wir nicht gelernt haben.

Beispielsweise auf unsere Gefühle und Bedürfnisse zu achten und adäquat auf diese zu reagieren. Oder uns selbst zu regulieren, ohne auf Essen zurückgreifen zu müssen.

Vielfach leben wir auch in einem Zustand dauerhafter Übererregung (Stress im System) oder Untereregung (Antriebslosigkeit oder Starre).

Oft ist eine starke Orientierung nach Außen hin zu beobachten, die in Fragen mündet wie: Bin ich schön genug? Bin ich schlank genug? Bin ich gut genug?

Der Heilungsweg braucht Zeit

Was ich dir mitgeben möchte ist folgendes:

Wenn Essen deine Strategie ist, um im Alltag zu funktionieren, kannst du dein Essverhalten nicht einfach mal ändern, auch wenn du die Sache mit sehr viel Disziplin angehst oder eine vermeintlich ideale Diät gefunden hast.

Es wird dir auch schwer fallen, die Art und Weise, wie du über deinen Körper denkst, mit ein paar Mindeset Übungen dauerhaft zu verändern.

Neue Muster brauchen Festigung

Denn sobald im Leben wieder etwas passiert (und es ist normal, dass im Leben immer irgendetwas passiert), greifen wir wieder auf unsere alten Regulationsstrategien zurück, sofern nicht neue etabliert und gefestigt wurden.

Deswegen hat man am Weg aus der Essstörung auch das Gefühl, von zahlreichen Rückschlägen heimgesucht zu werden, obwohl man wirklich alles versucht um z.B. nie wieder einen Essanfall zu haben.

Wissen hilft, uns selbst besser zu verstehen

Ich empfehle dir also, dich mit Trauma und zwar insbesondere mit Entwicklungstrauma zu beschäftigen.

Sehr gute Quellen dafür sind:

  • Dami Charf : Sie veröffentlichte zahlreiche Videos auf YouTube und hat 2 Bücher geschrieben, die ich beide empfehle. Hier ein Link zu einem Interview, das Martha Pany für ihren Podcast „Hoffnung hilft heilen“ mit Dami führte. Das Interview gibt einen guten Überglick über das Thema Entwicklungstrauma.
  • Verena König : Sie hat einen sehr informativen Podcast, es gibt auch Folgen über Sucht und Emotionales Essen bzw. Bulimie.
  • In meinem Buch „Essanfälle adé“ erfährst du auch einiges über die Wirkungsweise von Essstörungen und möglichen Auswegen.

Das Wissen über Trauma wird deine Essstörung leider nicht wegzaubern. Aber es hilft dir, dich selbst besser zu verstehen und milder mit dir umzugehen.

Selbstfürsorge statt Tritt in den Hintern

Ich dachte viele Jahre, dass ich mir nur selbst fest genug in den Hinter treten müsste um endlich ein normales Essverhalten bekommen zu können. (was auch immer „normal“ bedeutet …)

Mit diesem Ansatz bin ich allerdings nicht weiter gekommen.

Verständnis und Milde

Meine echte Heilung begann erst, als ich lernte, mir selbst freundlich zur Seite zu stehen.

Ich musste aufhören, mich selbst als Versagerin anzuklagen, sondern durfte lernen stattdessen Verständnis und Milde für mich aufbringen.

Dazu gehörte aufzuhören, nach raschen und einfachen Lösungen zu suchen, sondern mich bewusst für den langen, stetigen Weg zu entscheiden.

Dieser Weg ist zwar oft beschwerlich, aber oft auch freudvoll und auf alle Fälle lohnenswert.

Essstörung braucht professionelle Begleitung

Falls du von einer Essstörung betroffen bist, lege ich dir nahe, dir professionelle Unterstützung zu suchen von Menschen, die befugt sind mit Menschen mit psychischen Störungen zu arbeiten. In Österreich sind das die Psychotherapeut*innen, in Deutschland auch bestimmte Heilpraktiker*innen.

Erfahrung mit Trauma und körperorientierte Begleitung

Außerdem empfehle ich dir darauf zu achten, dass die Person, der du dich anvertraust, körperorientiert arbeitet und Erfahrung mit Trauma hat. Hinter diesen beiden Anforderungen – nämlich körperorientiert und traumaerfahren – möchte ich gerne fünf Rufzeichen machen.

Hier kannst du herausfinden, ob du an einer Essstörung leidest:

Teilen erwünscht

Mir ist es ein Anliegen, das möglichst viele Diät- und Essstörungs-geplagte Menschen erfahren, dass es nicht an deren Unfähigkeit liegt, wieso Essanfälle bzw. Essdruck nicht in den Griff zu bekommen sind. Sondern dass es an sehr komplexen Wirkungsmustern und Überlebensstrategien liegt, die sich nicht so einfach abdrehen lassen.

Daher würde ich mich freuen, wenn du diesen Artikel und / oder die Übersichtsgrafik teilst.

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