Das Wunschbild vom „danach“

Wenn man an einer psychischen Störung leidet (in meinem Fall war es eine Essstörung), hat man ein bestimmtes Bild, wie es „danach“ – nach der Heilung – sein würde. Man sehnt den „Tag X“ herbei, weil danach, ja dann würde endlich alles besser sein.

Zumindest war das bei mir so.

Nun, da ich „dort“, im „danach“ angekommen bin, kann ich berichten, wie das tatsächlich aussieht.

(Es folgt ein Zitat aus meinem Buch „Essanfälle adé“)

Ich hatte lange Zeit eine bestimmte Vorstellung davon, wie ich mich fühlen würde, wenn ich endlich meinen Esszwang hinter mir gelassen hätte. In einer Übung, in der es darum ging, mein Unterbewusstsein umzuprogrammieren, visualisierte ich folgendes Bild:

Ich stolziere über den Wiener Stephansplatz, bin glücklich, strahlend, voller Energie und, natürlich, schlank. Die Leute sehen mich bewundernd an, viele schenken mir ein Lächeln.

Wie ist das „danach“ eigentlich tatsächlich?

Jahre später ging ich wieder einmal über den Stephansplatz. Ich hatte Frieden mit meiner Figur geschlossen und die Essanfälle hinter mir gelassen. Da erinnerte ich mich an mein Bild von damals und bemerkte, dass sich die Realität erheblich von meiner Zukunftsvision unterschied:

In mir war kein »YEAH!!! Seht alle her! Bewundert mich! ICH – ja ICH – habe es geschafft! Nun ist all der Ballast weg, und ich bin FREI, FREI, FREI!«

An jenem Tag ging ich einfach über den Stephansplatz, das war alles. In Gedanken war ich bei irgendeinem Thema, das mich gerade beschäftigte, und ich bewunderte kurz den Stephansdom. Das Leben ohne Esssucht ist kein immerwährendes Bad in Glückshormonen.

Es ist ganz normales Leben

Es fühlt sich an wie ganz normales Leben, das immer noch freudvolle und traurige Momente, Spaß und Frust, schöne und weniger schöne Tage und manchmal sogar herbe Schicksalsschläge für uns bereithält.

Die Regulation funktioniert anders

Der Unterschied zu einem Leben mit Esssucht: Die damit einhergehenden Gefühle werden nicht mehr mit dem Essen heruntergeschluckt oder durch anderes Verhalten wie Extrem-Shopping, Handysucht, Sportfanatismus oder überbordende Selbstkontrolle verdrängt.

Unsere Energie fließt nicht mehr in die Selbstzerstörung. Wir setzen sie also nicht mehr gegen uns, sondern für uns ein. Damit wird unser Leben in Summe leichter und freudvoller. Die Stimmungskurve wird flacher, sie ähnelt vielmehr einer sanften Wellenlinie.

Unsere Gefühlswelt ist damit wesentlich einfacher zu ertragen, denn wir rauschen nicht mehr durch extreme Höhen und Tiefen. Das Drama nimmt ab, und dennoch fühlen wir uns lebendiger.

(Zitat Ende)

Podcast Interview

Wie fühlt sich nun mein Leben an, nach der Heilung meiner Essstörung?

Ich hatte die große Freude, genau darüber von Martha Pany interviewt zu werden, für ihren Recovery Podcast Hoffnung hilft heilen.

(Foto (c) Manfred Helmer)

Wir sprechen fast 50 Minuten darüber, wie mein Leben nach der Heilung der Essstörung aussieht.

Bin ich immer und ständig glücklich? Ist alles immer super in meinem Leben?

Es wurde ein sehr persönliches Interview, in dem ich viel von mir Preis gebe. Das macht verletzlich, keine Frage. Aber ich gehe dieses Risiko gerne ein, damit du sehen kannst: Wir sind alles nur Menschen und niemand von uns ist perfekt.

Ihr findet das Interview unter dem Link:

https://recoverypodcast.de/2019/04/30/essanfaelle-ade-und-wie-es-danach-weitergeht/

oder auch hier:

https://youtu.be/GIIduGZb2Kc

oder über eure gewohnte Podcast-App.

Ich würde mich sehr freuen zu lesen, ob bei dem Interview etwas Interessantes für dich mit dabei war.

Weiterlesen

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https://aivilo.at/vergleiche-mit-anderen/ 

Darin geht es darum, dass ich früher Angst vor Kameras und Mikros hatte, die auf mich gerichtet waren und wie ich das änderte.

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