Kennst du das? Du nimmst dir vor, dich mehr zu bewegen und trotzdem kommst du nicht in die Gänge. Die unzähligen Motivationstricks, die im Internet kursieren, scheinen bei allen zu wirken – nur bei dir nicht. Zumindest nicht nachhaltig.

Statt dich dafür zu verurteilen lade ich dich ein, einen anderen Blickwinkel einzunehmen: dein Verhalten zu verstehen. In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, dass dein Widerstand gegen Bewegung einer inneren Logik folgen. Wenn wir ihr auf die Spur kommen, müssen wir nicht länger gegen uns selbst oder einen vermeintlichen „inneren Schweinehund“ kämpfen.

Aus diesem Verständnis heraus können sich neue, stimmige Wege eröffnen, dir Bewegung zu erleichtern. Darum wird es dann im zweiten Teil des Artikel gehen.

(Auf dem Bild siehst du ein Faultier, das mir in Costa Rica begegnet ist, diese Tiere sind wahre Überlebenskünstler! Kennst du übrigens die großartige Faultier Szene im Film „Zoomania“? Ich fand sie sehr lustig )

1. Schlechte Erfahrungen mit Sport wirken ins Heute

Viele Menschen tragen negative Erinnerungen aus früheren Sporterfahrungen mit sich, die bis heute die Motivation für Bewegung beeinflussen.

Hier einige Beispiele aus meiner Praxis:

  • Auswahlverfahren beim Völkerball: Für viele war es eine Demütigung, als Letzte/r in eine Gruppe aufgenommen zu werden.
  • Quälende Übungen: Felgeaufschwung, Bockspringen oder Seilklettern können nicht alle und viele Kinder wurden deswegen ausgelacht oder ausgegrenzt.
  • Rücksichtslosigkeit in Gruppen: Wenn Schwächere nicht unterstützt sondern überfordert wurden, konnte ein sportlicher Ausflug mit Wutausbrüchen oder Tränen enden.
  • Abwertungen des Körpers: Von der Ballettlehrerin als „weißer Mehlsack“ bezeichnet zu werden, stoppte die Freude am Tanzen abrupt.

Solche Erlebnisse können dazu führen, dass das Muskel-Gedächtnis mit Anspannung oder sogar mit Starre reagiert, sobald der Körper Sport machen „muss“. Das bedeutet: Bei Anstrengung werden belastende Erfahrungen unbewusst aktiviert. Das Unbewusste ist zeitlos und kann damit nicht wissen, dass es auf längst vergangene Ereignisse reagiert. Alles, was du im Jetzt spüren kannst ist, dass du Widerstand gegen Sport hast.

Reflexionsübung: Nimm dir Zeit und lass die sportlichen Aktivitäten deiner Kindheit und Jugend Revue passieren. Welche positiven Erfahrungen hattest du im Zusammenhang mit Sport bzw. Bewegung? Was machte dir Freude? Mit wem warst du zusammen? Welche negativen Erfahrungen gab es? Welche Menschen waren hier involviert?

2. Entkoppelung vom Körper erschwert seine Bewegung

Viele Menschen fühlen sich von ihrem Körper getrennt. Sie beschreiben dieses Erleben so, als würden sie hauptsächlich „im Kopf“ leben, der Körper ist kaum präsent. Wahrgenommen wird er oft erst dann, wenn er sich mit Schmerzen oder deutlichen Beschwerden meldet.

Solche Entkoppelungen können entstehen, wenn es in der Vergangenheit sicherer war, Gefühle nicht allzu genau zu spüren. Dabei muss die Ursache dafür nicht unbedingt in einzelnen dramatischen Ereignissen liegen. Auch scheinbar „alltägliche“ Erfahrungen können dazu führen, dass wir uns innerlich vom Spüren, also vom Körper zurückziehen. Ein Beispiel dafür beschreibe ich in dem Artikel: „Wie fühlen sich unterdrückte Gefühle an.“

Muskeln können möglicherweise nicht angesteuert werden

Gefühle zeigen sich im Körper. Um sie auszublenden müssen wir uns daher auch – zumindest teilweise – von unserem Körper entfernen. Ein wirksames Schutzsystem, das uns hilft, in einer belastenden oder toxischen Umgebung zu überleben.

Was früher notwendig und sinnvoll war, kann uns im heutigen Leben jedoch behindern.

Mir ging es z.B. so, dass ich bestimmte Muskel nicht gezielt ansteuern konnte. Mein Physiotherapeut zeigte mir eine Übung, ich verstand sie kognitiv sofort, doch mein Körper konnte sie nicht umsetzen.

Ich brauchte Zeit, Wiederholungen und Erklärungen, bis ich eine Verbindung herstellen konnte „Ich möchte diesen Muskel bewegen“ und „Ich bewege ihn tatsächlich“.

Ist der Selbstwert gering, kann diese innere Barriere zu starken Selbstzweifeln und zusätzlichem Widerstand führen. Gleichzeitig glaube ich, dass Training weniger effizient ist, wenn Muskeln nicht bewusst wahrgenommen und gezielt eingesetzt werden können.

Die Verbindung zum Körper wird als unangenehm empfunden

Wenn man seine Muskeln beansprucht, wird die Aufmerksamkeit in den Körper gelenkt. Wenn man sich von seinem Körper abgekoppelt hat, kann es auf einer unbewussten Ebene äußerst unangenehm sein, den Körper spüren zu „müssen“.

Bei mir zeigte sich das so, dass ich versuchte, mich so gut es ging bei Sport abzulenken, zB. indem ich Filme schaute. Rückblickend bin ich mir nicht mehr sicher, wie effizient mein Muskeltraining war, bei dem ich defacto nicht in meinem Körper anwesend war.

Eine andere Sache, die uns den Körper ins Bewusstsein bringt ist das Schwitzen. Es könnte sein, dass sportliche Aktivitäten gemieden werden, um nicht schwitzen und damit den Körper nicht spüren zu „müssen“.

Der Therapeut Pete Walker beschreibt in seinem Buch Posttraumatische Belastungsstörung, dass es für Menschen mit frühen seelischen Verletzungen sehr wichtig ist, Muskel zu dehnen. Denn emotionaler Stress lässt die Muskeln zusammenziehen.

Die Muskeln haben sich zu unserem Schutz zusammengezogen, und das bewusste Spüren der Anspannung kann vom Körper als bedrohlich wahrgenommen werden. Könnte dies erklären, warum ich viele Jahre großen Widerstand gegen Dehnübungen oder Muskeltraining spürte?

Entkoppelung kann zu Überforderung führen

Die Entkoppelung kann nicht nur dazu führen, dass wir Widerstand gegen Bewegung entwickeln, sondern auch dazu, dass wir den Körper überfordern, weil wir seine Grenzen nicht rechtzeitig wahrnehmen. Oft bemerken wir erst zu spät, dass es zu viel war, nämlich erst dann, wenn der Körper mit einer Verletzung reagiert. Das wiederum bremst sportliche Ziele aus und verstärkt Selbstzweifel und Frust.

3.: Chronisch angespannte Muskeln lassen sich schwerer bewegen

Wenn wir in der Kindheit oder Jugend frühe seelische Verletzungen erlebt haben, kann es passieren, dass Teile unserer Muskulatur unter unbewusster Daueranspannung stehen. Häufig kommt zu dieser Grundspannung noch die Alltagsanspannung, die wir unbewusst mit uns tragen.

Da ist es kein Wunder, dass zusätzliche Belastung – wie Muskeltraining – als zu viel empfunden wird und innerer Widerstand gegen Bewegung entsteht.

4. Wenn Bewegung in der Kindheit nicht unterstützt wurde

Die meisten Kinder bewegen sich von Natur aus, sobald ihnen Raum und Möglichkeiten dafür gegeben werden. Es wird herumgetollt, fangen gespielt, geklettert, gehüpft, die Natur entdeckt und vieles mehr.

Es gibt jedoch auch Kinder, die in einer bewegungsfeindlichen Umgebung aufwachsen.

Hier wieder ein paar Beispiele aus meiner Praxis:

  • Es gibt es keine gleichaltrigen Kinder in der Nähe. Die Eltern unterstützen das Kind nicht, zu Freunden zu fahren oder Freundinnen einzuladen.
  • Erwachsenen bewegen sich selbst kaum und fördern daher die Bewegung des Kindes nicht. Das Kind hält sich daher vor allem in der Wohnung auf.
  • Der Sport, den die Erwachsenen ausüben, entsprich nicht den Interessen des Kindes, sodass es oft allein zu Hause bleibt.

Fehlt die Möglichkeit, dem natürlichen Bewegungsdrang nachzugehen, muss das Kindes – auf unbewusster Ebene – einen Weg finden, damit umzugehen. Das kann dazu führen, dass das Kind verlernt, Bewegung als Bedürfnis wahrzunehmen. Diese Erfahrung kann bis ins erwachsene Alter nachwirken und bremsend wirken.

5.: Mangel an Selbstfürsorge boykottiert gute Vorsätze

Selbstfürsorge bedeutet, dass wir uns selbst regelmäßig ganz oben auf unsere Prioritätenliste setzen. Viele Menschen mit frühen seelischen Verletzungen haben allerdings nicht gelernt, sich selbst wichtig genug zu nehmen. Daher kann es zu einem Gefühl von Widerstand führen, sich die Zeit für die Pflege des Körpers zu nehmen.

Wenn die Fürsorge für anderer Menschen viel Zeit vereinnahmt, sind am Ende des Tages die Energiereserven aufgebraucht. Vielleicht denkt der Kopf: „Ich sollte jetzt noch Sport machen“, aber der Körper kann nicht mehr.

Wenn wir uns das Bedürfnis nach Ruhe nicht bewusst eingestehen, kann uns Suchtverhalten (z.B. Essanfall oder Binge-Watching von Serien oder Social Media) zum Innehalten zwingen.

6.: Zu viel Druck bewirkt oft das Gegenteil

Ist der Selbstwert sowieso gering, setzten spätestens jetzt die Selbstvorwürfe und -beschimpfungen ein: „Wieso bin ich schon wieder so faul und undiszipliniert?“ Oft resultiert daraus der Gedanke, dass du ab jetzt strenger mit dir umgehen musst.

Doch genau dieser Druck kann er den inneren Widerstand gegen Bewegung noch weiter verstärken und deine Motivation für eine regelmäßig Bewegungsroutine untergraben.

Viele meiner Klientinnen waren von Essstörungen betroffen. Teil dieser Krankheit ist der große Wunsch, einen schlanken Körper zu haben. Dafür wird viel Unbill in Kauf genommen, so auch stundenlanges Training, obwohl eigentlich keine Lust dafür vorhanden ist. Die Entscheidung Sport zu machen kommt aus dem Kopf, nicht aus einem körperlichen Bedürfnis heraus. Oft gepaart mit Selbstverurteilung und Scham, wenn die sportlichen Ziele nicht erreicht wurden.

Wenn das über Jahre hinweg so gelebt wird, leidet die Verbindung zum Körper. Resultat kann sein, dass der Widerstand gegen Sport wächst.

7.: Frühere Unfälle können nachwirken

In den Rosen-Methode-Stunden erlebte ich bereits mehrfach, dass alte Unfälle im heute noch immer im Muskelgedächtnis gespeichert sind.

Der betroffene Körperteil, beispielsweise das Bein, fühlt sich starr und unbeweglich an und löst – auf unbewusster Ebene – Widerstand aus, es zu bewegen.

8.: Vielleicht war es wichtig, schwach zu sein

Bist du es gewohnt, dein Licht unter den Scheffel zu stellen, dich klein zu machen, dein wahres Wesen zu verstecken?

All das ist das Gegenteil von Muskelkraft, denn diese bedeutet sich aufrichten, sich zeigen, sich groß machen.

Vielleicht fühlt es sich für dein System – auf unbewusster Ebene – bedrohlich an, stärker zu werden? Vielleicht kommt daher der Widerstand?

9.: Vergleiche mit anderen bremsen

Es ist unglaublich, wieviele Fitness Videos es auf den Sozialen Medien gibt. Das kann sehr hilfreich sein. Doch mit geringem Selbstwert lauert die Gefahr, sich mit besseren zu vergleichen und sich selbst abzuwerten.

Dann wird vielleicht versucht, ein Tempo mitzuturnen, das für den eigenen Körper zu viel ist. Darunter kann langfristig die Motivation leiden.

Wenn du längere Zeit keinen Sport gemacht hast und du es dann mit Volldampf angehst, kann es sein, dass dein Drive schnell wieder abflacht und du daraufhin wieder nichts machst.

Zudem kann zu schnell und zu viel Training zu unangenehmen Verletzungen führen, wie z.B. Fersensporn, Rhabdomyolyse (= Auflösung von Muskelfasern) und anderes, was die Motivation naturgemäß stoppt.

10.: Selbstabwertung ist keine Unterstützung

Wenn wir Sport machen sollten und nicht wollen, kommt es oft vor, dass wir uns beschimpfen.

„Undiszipliniert“ und „faul“ sind hier noch die freundlichsten Zuschreibungen, die wir für uns selbst verwenden.

Wir denken, dass wir uns motivieren, wenn wir streng zu uns sind, uns antreiben, uns in den Hintern treten und den Schweinehund besiegen.

Besiegen heißt kämpfen. Ist der Kampf gegen uns selbst langfristig wirklich motivierend? Oder führt er vielleicht zu noch mehr Widerstand?

Effizientes Muskeltraining kann sich unangenehm anfühlen, wie ein leichtes Brennen. Wenn wir uns bereits im täglichen Leben ständig Schmerzen zufügen, wer will dann noch mehr davon?

Auf alle Fälle ist es traurig, wenn wir mit uns sprechen, wie wir es mit niemand anderen tun würden.

Fortsetzung folgt …

Es bringt langfristig wenig, voll oder gar nicht zu trainieren. Es braucht Balance im Alltag.

Wie das funktionieren könnte, erfährst du im zweiten Teil dieses Artikels.

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Mich würde interessieren:

  • Musstest du in deiner Kindheit auch schlimme Sporterfahrungen machen?
  • Hast du deinen Widerstand gegen Sport bereits erforscht? Was konntest du dabei lernen?