Nicht jede Krankheit ist sichtbar

Wenn wir ein Gipsbein haben, werden wir umsorgt und gefragt:

Wie ist das passiert? Brauchst du etwas? Kann ich dir helfen? Man wünscht uns alles Gute für die Heilung und schenkt uns vielleicht noch einen Strauß Blumen.

Doch bei einer psychischen Krankheit?

Diese sieht man nicht.

Oft ist sie sogar uns selbst lange nicht bewusst.

Wir möchten sie verheimlichen so gut es geht und versuchen reibungslos zu funktionieren, ja nicht aufzufallen.

Eine Leistung, die viel Kraft kostet, für die uns aber niemand lobt, für die wir keinen Strauß Blumen bekommen. Im Gegenteil. Psychische Krankheiten sind mit Stigmatisierung behaftet.

Und selbst wenn man keine psychische Krankheit hat, sondern einfach nur ein bisschen sensibler ist als alle anderen, kann es zur Ausgrenzung kommen.

Keiner von uns ist frei von Vorurteilen. Doch wie schön wäre es, wenn wir alle die vielfältigen Farben und Spielarten, die das Leben zu bieten hat, ein kleines bisschen mehr akzeptieren könnten.

Eine Bekannte von mir hat dazu ein berührendes Gedicht geschrieben und vertont, das mich sehr berührte. Mit ihrer Erlaubnis darf ich hier beides teilen.

Falls es dich ebenfalls beührt, schenke „Nelia Ha“ auf YouTube doch einen Daumen nach oben.

Danke, liebe Nelia Ha für deinen Mut dich zu zeigen und damit wiederum anderen Menschen Mut zu geben.

Ich wünscht, ich hätt ein Gipsbein
denn dann würde jeder sehn
alles klar, die kann nicht gehn
und jeder würde es verstehn,
wenn ich einen Tag mal nicht aus dem Haus gehn mag oder mal kein Wort sag,
denn ich bin ja krank.

Nur leider bin ich anders krank
und meine Krankheit sieht man nicht
denn es gibt wieder Gips noch Krücken
schade eigentlich
denn es tut verdammt weh.

Auch wenn du mich nicht bluten siehst und meinen Kummer nicht verstehst
weil es meine Psyche ist die blutet und
man das von außen nicht sieht.

Es tut weh – und Krücken wären eigentlich ganz hilfreich,
vor allem wenn ich wieder mal diesen Punkt erreich
wo ich nichts mehr erreichen kann und auch nicht will,
weil ich am Ende bin mit meiner Kraft.

Ich wär gern anders krank,
ein bisschen normaler krank als das krank das ich bin.
Weil ich es leid bin zu erklären
und zu erklären und trotzdem unverstanden zu sein,
weil ich es nicht zeigen kann wie jemand mit einem Gipsbein,
weil – meine Krankheit, die ist unsichtbar,
aber dadurch nicht weniger wahr,
nur weil sie im Verborgenen liegt,
im Verborgenen eines Menschen der sich Tag um Tag verbiegt um in eine Norm zu passen –
wisst ihr, ihr könntet mich auch einfach ich sein lassen.

Ich – ich brauch oft ganz viel Ruhe von eurem Lärm und eurer Welt,
denn die Haut die mich zusammenhält ist ganz schön dünn.

Und bei der kleinsten Erschütterung bricht meine Welt in sich zusammen wie ein Kartenhaus,
ja – oft halte ich die banalsten Dinge nicht aus die für euch lächerlich scheinen.

Oft möcht ich wie ein Baby weinen wegen einer Kleinigkeit,
wie 20 Minuten Extrazeit die der Lieferdienst braucht der mein Essen bringt.
Oder die Vase die aus meinen Händen gleitet
und mir einen Scherbenhaufen bereitet den zusammen zu kehren ich nicht fähig bin.

Dann füllen sich meine Augen mit Tränen
und ich falle auf den Boden hin weil mich Wut und Traurigkeit ergreifen,
die nur diejenigen begreifen,
die so sind wie ich es bin,
so anders krank,
so unsichtbar
und dennoch nicht weniger wahr,
nur weil die Krankheit im Verborgenen liegt
im Verborgenen eines Menschen der sich Tag um Tag verbiegt um in eine Norm zu passen –
wisst ihr, ihr könntet uns auch einfach wir sein lassen.

Weil wir haben uns diese Krankheit nicht ausgesucht,
wenn wir könnten wählten wir das Gipsbein denn so sind wir verflucht,
mit einem Fluch der jeden treffen könnt –
auch euch.

Niemand hat endlos Energie.
Irgendwann hat man genug gegeben,
irgendwie – muss man sich ausruhn
und das tun
was anderen schwer nachvollziehbar ist
bevor es die eigene Seele zerfrisst.

Wenn man traurig ist obwohl die Sonne lacht
und man nicht versteht warum man Dinge macht
die einem selbst sinnlos erscheinen.

Wenn ein leises Flüstern wie ein Donnerschlag wirkt
und der Körper nicht mehr kann,
wenn man schläft und schläft und trotzdem immer müde ist,
bricht man zusammen irgendwann
und dann – dann ist man anders krank –
ganz unsichtbar
und dennoch nicht weniger wahr.

Wir spielen das nicht, wir bilden es uns nicht ein.
„Möchtest du nicht wieder etwas fröhlicher sein?“
Doch, natürlich!

Und irgendwann werd ich sie wiederfinden meine Fröhlichkeit
doch noch bin ich nicht dazu bereit,
und das ist auch okay so.

Eines Tages werd ich wieder lachen,
und all die lustigen Dinge machen die mich ausmachen,
doch dazu brauch ich Zeit.

Zeit, die in dieser modernen Welt ein Luxusgut zu sein scheint denn –
niemand hat mehr Zeit für irgendwas,
alles macht man am besten gleich,
oder noch besser gestern –
im Vergleich – zu früher ist heute oftmals viel zu schnell.

Wir sind nicht gemacht für Höchstgeschwindigkeit auf Dauer.
Irgendwann stößt man an seine Grenzen,
ist da eine Mauer die uns zwingt mal stehn zu bleiben,
mal innezuhalten und es nicht mehr zu übertreiben
mit der Hektik und dem Streben nach Perfektionismus denn –
was ist das für ein Leben?

Stop.

Pause.

Macht mal langsam.

Nehmt euch Zeit und seid behutsam,
seid entspannter mit euch selbst.

Ich – Ich hab es fast zu spät verstanden dass es Zeit war Stop zu sagen.
Ich musste erst am Boden landen bevor ich es mir erlaubte zu wagen
wieder mir selber wichtig zu sein
und deshalb sagte ich Nein.

Nein zu dem Stress und der Hektik und der Eile.

Und mittlerweile kann ich wieder lachen
und all die lustigen Dinge machen,
die mich ausmachen,
doch dafür brauchte ich Zeit.

Ich – ich war anders krank
ganz unsichtbar
und dennoch nicht weniger wahr.

Weiterführende Links

  • Im Text wird hohe Sensibilität erwähnt. Eine informative Webseite zu diesem Thema hat meine Kollegin Iris Lasta
  • Auch Essstörungen liegen im Verborgenen. Hier der Link zu meinem Buch Essanfälle adé
  • Und hier noch der Link zu zwei Psychotherapeutinnen, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite, Doris Nowak Schuh in 1180 Wien und Silvia Huber in Baden.
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