Kennst du das? Du nimmst dir vor, dich mehr zu bewegen, trotzdem kommst du nicht in die Gänge. Die unzähligen Motivationstricks, die im Internet kursieren, scheinen bei allen zu wirken … nur bei dir nicht, zumindest nicht nachhaltig.

Statt dich dafür zu verurteilen, lade ich dich ein, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, nämlich Verständnis für dein Verhalten entwickeln. Welche innere Logik steckt dahinter? In diesem Artikel stelle ich dir 10 Gründe vor, die dir möglicherweise das in Bewegung kommen erschweren.

Aus diesem Verständnis heraus können sich neue, stimmige Wege eröffnen, dir Bewegung zu erleichtern, statt ewig gegen den inneren Schweinehund kämpfen zu müssen. Wie diese Wege aussehen könnten, erfährst du im zweiten Teil des Artikels: Wie motiviere ich mich zum Sport – 10 Anregungen bei großem Widerstand.

Als Beitragsbild wählte ich das Faultier, weil es oft als Beleidigung herhalten muss. Ich finde, es ist Zeit, damit aufzuhören, denn diese Tiere sind wahre Überlebenskünstler! Kennst du übrigens die Faultier-Szene aus dem Film „Zoomania“? Ich fand sie sehr lustig.

Inhaltsverzeichnis

  1. Schlechte Erfahrungen in der Kindheit: Demütigende Erlebnisse in der Schulzeit (wie beim Völkerball oder Bockspringen) verknüpfen körperliche Anstrengung mit Angst und Scham.
  2. Fehlende Frühförderung: Wenn der natürliche Bewegungsdrang in der Kindheit unterdrückt wurde, verliert man den spontanen Antrieb.
  3. Entkoppelung vom Körper: Ein Schutzsystem vor früheren Gefühlen erschwert es, Muskeln im Hier und Jetzt bewusst anzusteuern.
  4. Chronische Anspannung: Seelische Verletzungen führen zu permanenter Daueranspannung; jede zusätzliche Belastung wirkt wie Überforderung.
  5. Erschöpfung: Wer Energiereserven für andere opfert, scheitert am Widerstand, da der Körper nach Ruhe verlangt.
  6. Zu viel Druck: Bei Essstörungen wird Sport oft zur Selbstoptimierung eingesetzt, was selten von Dauer ist.
  7. Nachwirkende Unfälle: Ein traumatisches Muskelgedächtnis speichert den Schock vergangener Verletzungen und kann Bewegung blockieren.
  8. Erlaubst du dir, stark zu sein? Wer gelernt hat, sich unsichtbar zu machen, erlebt sichtbare Muskelkraft und Raumgewinnung als Bedrohung.
  9. Vergleiche mit anderen: Das Messen an idealisierten Fitness-Inhalten führt oft zu schädlichem Übertraining und Frust.
  10. Selbstabwertung: Harte Selbstbeschimpfungen versetzen das Nervensystem in Daueralarm und maximieren den Widerstand.

1. Schlechte Erfahrungen mit Sport in der Kindheit und Jugend

Viele Menschen tragen negative Erinnerungen aus früheren Sporterfahrungen mit sich, die auch heute noch die Motivation für Bewegung beeinflussen. Manche bezeichnen es sogar als Schulsporttrauma. Hier einige Beispiele aus meiner Praxis:

  • Auswahlverfahren beim Völkerball: Für viele war es eine Demütigung, als Letzte/r in eine Gruppe aufgenommen zu werden.
  • Quälende Übungen: Leider wurden früher Kinder, die Felgeaufschwung, Bockspringen oder Seilklettern nicht zu Stande brachten ausgelacht oder ausgegrenzt.
  • Rücksichtslosigkeit in Gruppen: Wenn Schwächere nicht unterstützt sondern überfordert wurden, endete so mancher sportlicher Ausflug mit Wutausbrüchen oder Tränen.
  • Abwertungen des Körpers: Beispielsweise von der Ballettlehrerin als „weißer Mehlsack“ bezeichnet zu werden, stoppte die Freude am Tanzen.

Solche Erlebnisse können dazu führen, dass der Körper mit Anspannung oder sogar mit Starre reagiert, sobald er sich bewegen soll. Oder anders ausgedrückt: Bei Anstrengung werden belastende Erfahrungen – das Körpergedächtnis – unbewusst aktiviert. Da das Unbewusste zeitlos ist, fühlt es sich real an und wir können nicht unterscheiden, dass es in Wahrheit auf vergangene Ereignisse reagiert.

Reflexionsübung:

Nimm dir Zeit und lass die sportlichen Aktivitäten deiner Kindheit und Jugend Revue passieren:

  • Welche positiven Erfahrungen hattest du im Zusammenhang mit Sport bzw. Bewegung? Was machte dir Freude? Mit wem warst du zusammen?
  • Welche negativen Erfahrungen gab es? Welche Menschen waren hier involviert?

2. Fehlende Frühförderung

Die meisten Kinder bewegen sich von Natur aus, sobald ihnen Raum und Möglichkeiten dafür gegeben werden. Es wird herumgetollt, fangen gespielt, geklettert, gehüpft, die Natur entdeckt und vieles mehr.

Es gibt jedoch auch Kinder, die in einer bewegungsfeindlichen Umgebung aufwachsen.

Hier wieder ein paar Beispiele aus meiner Praxis:

  • Es gibt keine gleichaltrigen Kinder in der Nähe. Die Eltern unterstützen das Kind nicht, zu Freunden zu fahren oder Freundinnen einzuladen.
  • Die Erwachsenen bewegen sich selbst kaum und fördern daher die Bewegung des Kindes nicht. Das Kind hält sich vor allem in der Wohnung auf.
  • Der Sport, den die Erwachsenen ausüben, entspricht nicht den Interessen des Kindes, sodass es oft allein zu Hause bleibt.

Fehlt die Möglichkeit, dem natürlichen Bewegungsdrang nachzugehen, muss ihn das Kind unterdrücken. Das kann dazu führen, dass das Kind verlernt, Bewegung als Bedürfnis wahrzunehmen. Diese Erfahrung kann bis ins Erwachsenenalter nachwirken und bremsend wirken.

3. Entkoppelung vom Körper erschwert seine Bewegung

Ich kann mich erinnern, dass mir ein Physiotherapeut zeigte, wie ich Kniebeugen korrekt ausführen sollte. Wir wunderten uns beide, dass es mir nicht möglich war, die Vorschläge umsetzen. Es war, als wäre eine Verbindung zwischen Gehirn und Muskeln unterbrochen, ich wusste nicht, wie ich die Gesäßmuskeln ansteuern sollte. Erst mit Übung bekam ich es hin.

Es gibt viele Menschen, die sich von ihrem Körper getrennt fühlen. Solche Entkoppelungen oder Dissoziationen können entstehen, wenn es in der Vergangenheit sicherer war, Gefühle nicht allzu genau zu spüren. Dabei muss die Ursache dafür nicht unbedingt in einzelnen dramatischen Ereignissen liegen. Auch scheinbar „alltägliche“ Erfahrungen können dazu führen, dass wir uns innerlich vom Spüren, also vom Körper zurückziehen. Ein Beispiel dafür beschreibe ich in dem Artikel: „Wie fühlen sich unterdrückte Gefühle an.“

Gefühle zeigen sich im Körper. Um sie auszublenden müssen wir uns daher – zumindest teilweise – von unserem Körper entfernen. Dies ist ein wirksames Schutzsystem, das uns hilft, in einer belastenden oder toxischen Umgebung zurechtzukommen.

Was früher notwendig und sinnvoll war, kann uns im heutigen Leben allerdings behindern.

Beansprucht man Muskeln, wird die Aufmerksamkeit in den Körper gelenkt. Wenn allerdings Abkoppelung viele Jahre oder Jahrzehnte sicher war, kann Körper spüren als unangenehm wahrgenommen werden, ja sogar Angst machen.

Eine andere Sache, die uns den Körper ins Bewusstsein bringt, ist das Schwitzen. Es könnte sein, dass sportliche Aktivitäten gemieden werden, um nicht schwitzen und damit den Körper nicht spüren zu „müssen“.

4. Chronisch angespannte Muskeln lassen sich schwerer bewegen

Wenn wir in der Kindheit oder Jugend frühe seelische Verletzungen erlebt haben, kann es passieren, dass Teile unserer Muskulatur unter unbewusster Daueranspannung stehen. Häufig kommt zu dieser Grundspannung noch die Alltagsanspannung, die wir unbewusst mit uns tragen.

Da ist es kein Wunder, dass zusätzliche Belastung – wie Muskeltraining – als zu viel empfunden wird und innerer Widerstand gegen Bewegung entsteht.

Übrigens: Das Körpergedächtnis speichert automatische Bewegungsabläufe und emotionale Stressreaktionen nicht im Muskelgewebe selbst, sondern als neuronale Muster im Gehirn. Der Körper dient dabei lediglich als Ausdrucksmedium, das bei chronischem Stress in einer permanenten Daueranspannung steckenbleiben kann.

Der Therapeut Pete Walker beschreibt in seinem Buch Posttraumatische Belastungsstörung, dass es für Menschen mit frühen seelischen Verletzungen besonders wichtig sei, Muskeln zu dehnen. Allerdings kann das bewusste Spüren der Anspannung vom Körper als Bedrohung wahrgenommen werden und daher auch Widerstand dagegen auslösen.

5. Chronische Erschöpfung boykottiert gute Vorsätze

Wenn die Fürsorge für andere Menschen viel Zeit vereinnahmt, sind am Ende des Tages die Energiereserven aufgebraucht. Vielleicht denkt der Kopf: „Ich sollte jetzt noch Sport machen“, aber der Körper kann nicht mehr.

Effizientes Muskeltraining kann sich unangenehm anfühlen, wie ein leichtes Brennen. Wenn wir uns bereits im täglichen Leben ständig Schmerzen zufügen, wer will dann noch mehr davon?

Wenn wir uns das Bedürfnis nach Ruhe nicht bewusst eingestehen, kann uns Suchtverhalten (z.B. Essanfall oder Binge-Watching von Serien oder Social Media) zum Innehalten zwingen.

Selbstfürsorge bedeutet auch, dass wir uns selbst regelmäßig ganz oben auf die Prioritätenliste setzen. Viele Menschen mit frühen seelischen Verletzungen haben allerdings nicht gelernt, sich selbst wichtig genug zu nehmen. Daher kann es zu einem Gefühl von Widerstand führen, sich die Zeit für die Instandhaltung des Körpers zu nehmen.

6. Zu viel Druck bewirkt oft das Gegenteil

Ist der Selbstwert sowieso gering, setzen spätestens jetzt die Selbstvorwürfe und -beschimpfungen ein: „Wieso bin ich schon wieder so faul und undiszipliniert?“ Oft resultiert daraus der Gedanke, dass du ab jetzt strenger mit dir umgehen musst.

Doch genau dieser Druck kann den inneren Widerstand gegen Bewegung noch weiter verstärken und die Motivation für regelmäßige Bewegungsroutine untergraben.

Viele meiner Klientinnen waren von Essstörungen betroffen. Teil dieser Krankheit ist der große Wunsch, einen schlanken Körper zu haben. Dafür wird viel Unbill in Kauf genommen, so auch stundenlanges Training, obwohl eigentlich keine Lust dafür vorhanden ist. Die Entscheidung Sport zu machen, kommt aus dem Kopf, nicht aus einem körperlichen Bedürfnis heraus. Oft gepaart mit Selbstverurteilung und Scham, wenn die sportlichen Ziele nicht erreicht wurden.

Wenn das über Jahre hinweg so gelebt wird, leidet die Verbindung zum Körper. Das Resultat kann sein, dass der Widerstand gegen Sport wächst.

Die Entkoppelung kann nicht nur dazu führen, dass wir Widerstand gegen Bewegung entwickeln, sondern auch dazu, dass wir den Körper überfordern, weil wir seine Grenzen nicht rechtzeitig wahrnehmen. Oft bemerken wir erst zu spät, dass es zu viel war, nämlich erst dann, wenn der Körper mit einer Verletzung reagiert. Das wiederum bremst sportliche Ziele aus und verstärkt Selbstzweifel und Frust.

7. Nachwirkende Unfälle

In den Rosen-Methode-Stunden erlebte ich bereits mehrfach, dass alte Unfälle heute noch immer im Muskelgedächtnis gespeichert sind.

Der betroffene Körperteil, beispielsweise das Bein, fühlt sich starr und unbeweglich an und löst – auf unbewusster Ebene – Widerstand dagegen aus, es zu bewegen.

8. Erlaubst du dir, stark zu sein?

Bist du es gewohnt, dein Licht unter den Scheffel zu stellen, dich klein zu machen, dein wahres Wesen zu verstecken?

All das ist das Gegenteil von Muskelkraft, denn diese bedeutet, sich aufrichten, sich zeigen, sich groß machen.

Vielleicht fühlt es sich für dein System – auf unbewusster Ebene – bedrohlich an, stärker zu werden? Vielleicht kommt daher der Widerstand?

9. Vergleiche mit anderen bremsen

Es ist unglaublich, wie viele Fitness Videos es auf den sozialen Medien gibt. Das kann sehr hilfreich sein. Doch mit geringem Selbstwert lauert die Gefahr, sich mit anderen zu vergleichen und sich selbst abzuwerten.

Dann wird vielleicht versucht, ein Tempo mitzuturnen, das für den eigenen Körper zu viel ist. Darunter kann langfristig die Motivation leiden.

Wenn du längere Zeit keinen Sport gemacht hast und du es dann mit Volldampf angehst, kann es sein, dass dein Drive schnell wieder abflacht und du daraufhin wieder nichts machst.

Zudem kann zu schnell und zu viel Training zu unangenehmen Verletzungen führen, wie z.B. Fersensporn, Rhabdomyolyse (= Auflösung von Muskelfasern) und anderes, was die Motivation naturgemäß stoppt.

10. Selbstabwertung ist keine Unterstützung

Wenn wir Sport machen sollten und nicht wollen, kommt es oft vor, dass wir uns beschimpfen.

„Undiszipliniert“ und „faul“ sind hier noch die freundlichsten Zuschreibungen, die wir für uns selbst verwenden.

Wir denken, dass wir uns motivieren, wenn wir streng zu uns sind, uns antreiben, uns in den Hintern treten und den Schweinehund besiegen.

Besiegen heißt kämpfen. Ist der Kampf gegen uns selbst langfristig wirklich motivierend? Oder führt er vielleicht zu noch mehr Widerstand?

Auf alle Fälle ist es traurig, wenn wir mit uns sprechen, wie wir es mit niemandem anderen tun würden.

Wie motiviere ich mich zum Sport – 10 Anregungen bei großem Widerstand

Es bringt langfristig wenig, voll oder gar nicht zu trainieren. Es braucht Balance im Alltag.

Wie das funktionieren könnte, erfährst du im zweiten Teil des Artikels: Wie motiviere ich mich zum Sport – 10 Anregungen bei großem Widerstand

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Mich würde interessieren:

  • Musstest du in deiner Kindheit auch schlimme Sporterfahrungen machen?
  • Hast du deinen Widerstand gegen Sport bereits erforscht? Was konntest du dabei lernen?

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