Ein Leben ohne Essstörung – wie ist das?

Eine Essstörung zu haben st belastend. Da verwundert es wenig, dass viele Betroffene von einem Leben ohne sie träumen.

Dann, ja dann!

Dann – so denken wir – dann … so ganz ohne Essstörung werden wir uns endlich toll fühlen, die Welt erobern, glücklich sein! Wir sehnen uns danach, in unserem Kalender notieren zu können: „Heute war der letzte Tag ohne meine Essstörung.“

Der Traum vom letzten Tag der Essstörung

In Wirklichkeit läuft es anders ab, denn diesen einen letzten Tag gibt es nicht. Der Weg aus dem Teufelskreis entwickelt sich vielmehr schrittweise, mal in kleineren, mal in größeren Schritten. Der Prozess ist fließend. Wir wachen nicht eines Morgens plötzlich ohne Essstörung auf.

Es gibt ihn nicht, den erleichterten Ausruf: Yeah! Ab heute bin ich frei, völlig ohne Esssucht!

Vielmehr verändern sich die Essanfälle in ihrer Qualität. Stück für Stück werden sie weniger bedrohlich, weniger intensiv, bis sie eines Tages gar nicht mehr nötig sind.

Mir half dieses Wissen dabei aufzuhören, voller Ungeduld auf künftige Glücksereignisse zu schielen, die – wie ich heute weiß – in dieser Art und Weise sowieso nie stattgefunden hätten.

Mit dem Wissen, dass es nur Schritt für Schritt voran geht, verschwand auch eine Angst. Nämlich die Angst, plötzlich mit einem riesigen Vakuum konfrontiert zu sein, wenn meine Essanfälle nicht mehr da wären.

Die kleinen Veränderungen summieren sich

Am Weg aus der Essstörung geht es darum, nach und nach unseren Alltag so einzurichten, sodass wir die Essattacken nicht mehr brauchen, um ihn zu bewältigen. Es gilt vieles zu lernen, zu verändern, zu überdenken … das dauert seine Zeit.

Diese Veränderung beginnt jetzt, heute, nicht erst dann, wenn ein Wunder passiert ist.

Alle kleinen Veränderungsschritte summieren sich zu einem großen Ganzen. Irgendwann schauen wir dann zurück und uns wird bewusst: „Was für eine Veränderung!“.

Wir lernen, viele Situationen unseres Alltags anders zu (er)leben oder anders zu bewerten. Damit vermindert sich der Essdruck nach und nach und darf schließlich ganz aus unserem Leben verschwinden.

Damit plastischer wird, was ich meine, werde ich Ihnen ein paar ganz normal banale Situationen meines Alltags schildern.

Heute normal banal, in Zeiten von Selbsthass und Selbstzerstörung alles andere als das.

Beispiele aus dem Alltag mit bzw. ohne Essstörung

Selbsthass in der Umkleidekabine

Letztens ging ich in meinen Lieblingsladen und probierte eine Short. Diese Hose gab es nicht in meiner Größe, aber ich probierte sie dennoch, vielleicht war sie ja weit geschnitten.

War sie nicht.

Die Short war viel zu eng bei der Hüfte und bei den Oberschenkeln, was unvorteilhaft aussah. Ich gab die Hose zurück und verließ den Laden. Ich ärgerte mich noch ein bisschen, dass diese an sich schicke Hose nicht in meiner Größe produziert wurde, seltsame Modewelt!

Aber ansonsten hatte der Vorfall keine Auswirkung auf meine Stimmung.

Nicht so in meiner Esssucht-Zeit: Damals nahm ich es sehr persönlich, wenn mir ein Kleidungsstück nicht passte.

Grundsätzlich war nicht das Kleidungsstück zu klein, sondern ich zu dick. Sofort setzte ich mich herab „Kein Wunder, dass mir nichts passt, so wie ich in mich hineinfresse. Ich bin viel zu undiszipliniert, mir passt nichts. Alle anderen können alles anziehen. Nur ich nicht. Ich bin so hässlich.“

Ich schlich beschämt aus dem Laden und war so frustriert, dass ich Süßigkeiten für meinen Trost brauchte. Meistens mündete dieses Verlangen in einen Essanfall.

Heute bin ich in Frieden mit meinem Körper, daher hat eine zu enge Hose keine Macht mehr über mich.

Nur weil mir der Schnitt einer Hose nicht passt, hinterfrage ich weder meine Figur noch meine Essgewohnheiten und schon gar nicht mein gesamtes Wesen.

Ich suche die Schuld nicht mehr bei mir.

Ich passe, so wie ich bin. Es ist bloß die Hose, die nicht passt.

Was könnte ein Fahrradhelm mit einem Essanfall zu tun haben?

Unter Umständen einiges. Wenn man an einer Essstörung leidet, ist man mit seinem Körper auf Kriegsfuß. Und nicht nur das.

Üblicherweise hadert man mit seinem gesamten Wesen. Unzählige Male am Tag hüpft der innere Kritiker hervor und beschimpft uns aufs schärfste.

Wenn unter Tags dann noch etwas geschieht, dass unseren Selbstwert zusätzlich ins Wanken bringt, kann es sein, dass genau dies der eine Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Der latente Essdruck steigt schlagartig an, sodass wir ihm nicht mehr widerstehen können.

Oft sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die unseren Selbstwert attackieren.

Eine solche Kleinigkeit war beispielsweise mein Fahrradhelm.

Mir war es immer schon wichtig, im Straßenverkehr mit Helm unterwegs zu sein. Dennoch hasste ich ihn und schämte mich. „Ich sehe lächerlich aus.“ ließ mich meine kritische Stimme bei jedem der unzähligen Blicke in Schaufensterscheiben wissen. „Die anderen denken bestimmt, dass ich hässlicher aussehe, als ich sowieso schon bin, hoffentlich treffe ich jetzt niemanden, den ich kenne.“ „Dieses Ding ruiniert meine Frisur, wieso habe mich nur darauf eingelassen, mit dem Fahrrad hierher zu fahren?“

Und heute?

Der Fahrradhelm ist nach wie vor nicht mein liebstes Accessoire. Doch getreu dem Motto „love it, leave it oder change it“ treffe ich eine bewusste Entscheidung: Mir ist es wichtig einen Helm zu tragen.

Also mache ich das Beste daraus und kaufte mir einen mit hübschen Blümchen. Wenn der Helm auf meinem Kopf ist, taxiere ich mich nicht mehr unzählige Male. Ich hadere auch nicht mehr mit mir als gesamtes Wesen, nur weil mein Fahrradhelm mein Aussehen nicht verschönert und vielleicht mein Haar ein bisschen zerdrückt.

Ich bin einfach ich, nur eben mit Fahrradhelm auf dem Kopf.

Diese simple Tatsache beeinflusst heute nicht mehr die Art und Weise, wie ich über mein Wesen oder mein Aussehen denke.

Leben nach der Essstörung

Auch ohne Essstörung muss man Steuererklärungen machen

Ich gebe zu, Steuererklärungen zu machen ist nicht gerade meine liebste Tätigkeit.

Das war während der Zeit der Essstörung so und hat sich bis heute nicht verändert. Was sich allerdings erheblich veränderte, ist mein Umgang damit.

In meiner Essstörungszeit war ich überzeugt davon, dass ich mich kräftig in den Hintern treten musste, um ungeliebte Dinge zu erledigen. Meine Selbstkommunikation lief ungefähr so ab: „Du faules Ding, du schiebst das nun schon ewig vor dir her. Jetzt setze dich auf deinen dicken Hintern und erledige den Scheiß gefälligst. Stell dich nicht so an, du musst endlich dein Mindset umprogrammieren. Ich lasse jetzt keine Ausreden mehr zu.“

Als ich den PC aufdrehte, driftete ich ziemlich rasch ins Internet ab und klickte ziellos herum. Jede Sekunde hatte ich ein schlechtes Gewissen und versprach mir: Gleich wechsle ich zu meinem Steuerordner!

Parallel dazu aß ich Süßigkeiten um mich bei Laune zu halten und zu motivieren, so lange, bis ich vollgestopft und mein Hirn nur noch Brei war. So verschwendete ich Stunden. An die Steuererklärung war am Ende nicht mehr zu denken.

Wie ich es hasste, nicht produktiv zu sein und nicht zu schaffen, was ich mir vornahm. Ich war sehr enttäuscht von mir, wieder einmal.

Da ich an diesem Abend in meinen Augen nichts geleistet habe, fand ich dass ich auch keine Entspannung verdient hätte. Also nahm ich mir vor, wenigstens noch aufzuräumen. Dieses Vorhaben wurde allerdings durch einen schlimmen Essanfall vereitelt.

Danach sank ich müde ins Bett. Am nächsten Tag fühlte ich mich verkatert und ich zwang mich, nun endlich die Steuerdinge zu erledigen. Ich brauchte eine Menge Schokolade und sonstiges Futter, um mich dazu zu überreden. So graste den ganzen Tag herum und hasse mich noch ein Stückchen mehr als am Tag zuvor.

Über die Jahre habe mich mit mir selbst angefreundet und Verständnis für mich und meine Widerstände entwickelt.

Statt mich dafür auszuschimpfen oder zu ermahnen, nehme ich mich heute stattdessen liebevoll an die Hand: „Ja, ich weiß, dass dich das im Moment nicht erfreut. Aber du musst deine Steuer nächste Woche abgeben, die Zeit drängt schon langsam.“

Dann versuche ich ein bisschen mit mir selbst zu verhandeln: „Was hältst du davon, wenn du wenigstens eine halbe Stunde lang Belege sortierst und den Rest dann morgen machst?“

Ein bisschen widerwillig mache ich mich an die Arbeit, dennoch halte ich diese Frustration aus, ohne sie mit Schokolade zu versüßen. Ich habe nicht mehr den Anspruch an mich, immer voll motiviert und gut drauf zu sein. Ich muss den Frust nicht herunterschlucken. Er darf da sein.

Auch heute kann es vorkommen, dass ich statt der notwendigen Arbeit in die weiten Welten des Internets abdrifte. Ich kann und will nicht immer funktionieren und gestehe ich mir das zu. Ich beschimpfe mich deswegen nicht mehr als Versagerin.

Vielmehr mache ich mir bewusst, dass das heute mit der Steuererklärung wohl nichts mehr wird und überrede mich, den PC zuzuklappen, weil mir das lange, ziellose surfen im Internet nicht guttut.

Da ich scheinbar heute Abend nicht produktiv sein kann, gönne ich mir einen schönen Abend in der Badewanne mit Buch, was mich entspannt. Oder ich male ein Happy Animal. Ich darf lieb zu mir sein, auch wenn ich nicht schaffte, was ich mir vorgenommen habe.

Es ist kein Essanfall mehr nötig, um mir die Pause hinterrücks zu erschleichen. Ich habe Vertrauen, dass ich die Steuererklärung rechtzeitig schaffen werden, es ist ja noch ein bisschen Zeit.

Am nächsten Tag bin ich frisch und erholt und kann mich endlich überreden, mich den Steuerdingen zuzuwenden.

Sobald ich anfange, ist es eigentlich gar nicht mehr so schlimm. Ich erledige meine Arbeit und danach lobe mich ausgiebig. Nun bin ich echt hungrig und freue mich schon auf ein leckeres Mittagessen, so wie jeden Tag.

Auch ohne Essstörung gibt es miese Tage

Es scheint nicht jeden Tag die Sonne. Das ist normal.

Doch in meiner Zeit der Essstörung versuchte ich, so zu tun, als ob ich total happy wäre (immer!!), klar wusste wo es lang ging (jede Minute meines Lebens!!) und als ob ich entspannt gelassen wäre (total!!).

Ich nahm es mir übel, wenn mir das nicht gelang – was um ehrlich zu sein – nur selten bis nie der Fall war. Meine Messlatte lag sehr hoch, sie war daher kaum zu erreichen.

Die Beurteilungen meiner inneren Kritiker fielen vernichtend aus. Sie agierten wie ein sehr strenger Trainer, mit dem nicht zu Spaßen ist: „Komm schon, lass dich nicht hängen“, „Was soll denn das?“, „Dir geht es doch eh so gut, was stellst du dich schon wieder an?“

Ich konnte dennoch nicht so fröhlich und motiviert sein, wie ich es gerne wollte und fühlte mich als große Versagerin. Wie immer.

Zudem verletzte ich mich selbst, indem ich mich zusätzlich noch weiter demotivierte: Ich verglich mich mit den – in meinen Augen – besseren Anderen.

Hätte es zur Zeit meiner Essstörung bereits Instagram gegeben, hätte ich mir all die Bilder von den perfekten Anderen anzusehen, die alles immer so mühelos hinbekamen und dabei auch noch super aussahen. Vielleicht hätte ich sogar ein Foto von mir gepostet, auf dem ich mies aussah, #mehrRealitätaufInstragram. Wenn schon denn schon.

Danach fühlte ich mich endgültig wie ein kleiner Wurm.

Nur noch ein Essanfall konnte mir helfen, meinen  inneren Druck abzubauen.

Auch heute noch gibt es Tage, an denen ich mich irgendwie mies fühle. Doch ich agiere anders als früher, nämlich mit Selbstfürsorge statt mit Selbsthass.

Falls ich keine Termine habe, versuche ich, möglichst nur die dringenden Sachen zu erledigen, alles andere darf warten. Ich habe Vertrauen, dass ich morgen, nachdem ich mir echte Pause ohne schlechtes Gewissen gegönnt habe, wieder leisten kann.

Habe ich viele Termine an diesem Tag, versuche ich, meine Ansprüche an meine Leistung und Präsenz herunterzuschrauben. Ich versuche möglichst viele Pausen einzulegen und so langsam wie möglich zu machen. Außerdem verspreche ich mir einen gemütlichen Abend, an dem ich nur sinnfreie Dinge tun darf. Beispielsweise im Fernsehen herumzappen oder in der Badewanne liegen.

Ich achte sehr genau auf meine Bedürfnisse: Habe ich Hunger? Was genau würde mir jetzt wirklich gut tun? Und gönne mir das, soweit möglich. In solchen Phasen tut mir meistens Kuchen gut. Ich gönne mir, was immer ich möchte, sehr bewusst, ohne mich vollzustopfen oder mich ins Koma zu essen. Besonders an solchen Tagen darf ich genießen und mich liebevoll umsorgen.

Auf Instagram folge ich keinen Accounts, die bei mir ein schlechtes Gefühl hinterlassen. Ich wähle bewusst, was ich mir ansehen möchte. Es darf mir gut tun oder mich inspirieren. Von meinem miesen Zustand poste ich keine Fotos, denn das ist privat und darf es auch bleiben.

Ich bin mir meine beste Freundin und geleite mich durch diesen Tag mit Selbstfürsorge. Ich kann darauf vertrauen, dass es mir morgen wieder besser gehen wird.

Nun bin ich gespannt auf Ihre Erfahrungen!

Durch den anderen Umgang mit der gleichen Situation ist es mir heute möglich, Druck aus meinem Alltag herauszunehmen. Mein inneres Druck-Niveau baut sich daher nicht mehr so hoch auf wir früher. Das ist einer der Gründe, wieso ich heute keine Essanfälle mehr brauche.

Ich möchte Ihnen allerdings nicht verheimlichen, dass zwischen diesen beiden Handlungs- und Denkweisen einige Entwicklungsjahre lagen, in denen ich meinen Selbstwert Schritt für Schritt aufbaute und lernte, mich selbst mit Selbstfürsorge zu beschenken. Sich von alten Mustern zu lösen dauert seine Zeit, das ist normal.

Ich hoffe, Ihnen in diesem Artikel ein paar Anregungen mit auf Ihren Weg gegeben zu haben.

Und nun gebe ich das Wort an Sie weiter: Ist es Ihnen bereits passiert, dass Sie heute Situationen anders lösen als früher? Erzählen Sie mir darüber in den Kommentaren.

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2018-07-23T08:44:46+00:0019 Juli, 2018|Emotionales Essen|1 Kommentar

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Ein Kommentar

  1. Marcela 23. Juli 2018 um 17:28 Uhr - Antworten

    Liebe Olivia,

    ich DANKE Dir für diesen tollen Beitrag und deine wertvollen Einsichten. Es ist erstaunlich dieselben Gedanken zu lesen und gleichzeitig auch sehr beruhigend.

    Ich freue mich noch mehr von Dir zu hören! Lg, Marcela

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