Intuitiv essen: Ist Übergewicht abnehmen damit möglich?

Der Traum vom intuitiven Essen ohne Verbote

Intuitiv essen klingt wie ein Traum: Man darf alles essen, was man will, es gibt keine Verbote.

Einziger Wegweiser ist die Weisheit des Körpers. Dieser folgt man und am Ende erreicht der Körper genau jenes Gewicht, das ideal für ihn ist.

Im Internet gibt es zahlreiche Fotos, die den Abnehmerfolg zahlreicher Menschen belegen.

Beim Anblick der glücklich strahlenden „nachher“ Fotos könnte man neidisch werden, vor allem, wenn sich bei einem selbst der gewünschte Gewichtsverlust nicht einstellen will. Woran könnte es liegen, dass man sich intuitiv ernährt und dennoch kein Gewicht verliert?

Anlass, auf diese Frage konkrete Antworten zu finden, war eine Mail, die ich 2016 von einer Leserin meines Buchs „Essanfälle adé“ erhielt. Da die Antwort komplex ist, habe ich meine Kollegin Claudia Münstermann mit ins Boot geholt.

Wir haben unser Wissen und unsere Erfahrungen zusammengelegt und daraus ist nachfolgender Artikel entstanden. Im Zuge meines 2018er Webseiten Relaunchs haben wir ihn nun überarbeitet.

Claudia Münstermann ist auf emotionales Essverhalten spezialisiert und bietet Coachings in Aachen und via Skype an. Sie arbeitet unter anderem mit den Methoden Wingwave und EFT Tapping: www.claudia-münstermann.de

Wie bereits in meinem Buch Essanfälle adé, werde ich (Olivia) manchmal über persönliche Erfahrungen berichten. Ansonsten nutzen wir das Team-wir.

Zunächst kommt jene Mail, die ich 2016 erhielt. Die Verfasserin erlaubte mir, sie hier namentlich vorzustellen: Danke, Candida, dass du mutig deine Geschichte teilst.

Candida Kraus ist mittlerweile ausgebildete Tanztherapeutin und arbeitet in München. Auf ihrem Blog www.tanzzumir.de teilt sie ihre Geschichte und Gedanken.

Wieso habe ich immer noch Übergewicht, obwohl ich intuitiv esse?

Liebe Frau Wollinger, ich habe soeben Ihr Buch gelesen und möchte mich sehr dafür bedanken.

Es ist so liebevoll und unterstützend geschrieben ohne zu viel Fokus auf wieviel habe ich wann gegessen. Mein Lieblingssatz ist: ‚ich erlaube meinem Körper sich sein Gewicht auszusuchen‘, denn das fällt mir immer noch sehr schwer.

Für mich ist das Thema nicht neu, da ich mich nun schon seit über sechs Jahren mit der Heilung meiner Esssucht beschäftige. Summer/Zuwinker, Hunger/Sättigung, Psychotherapie auch seit sechs Jahren, alles inbegriffen.

Ich kann auch sagen, dass alles insofern erfolgreich war, als ich schon seit Jahren keine Essanfälle mehr hatte, also keine Unmengen von Lebensmitteln auf einmal in mich hineingestopft habe.

Allerdings muss ich wohl immer noch mehr essen als ich brauche, denn ich bin immer noch, oder besser gesagt seit 5 Jahren übergewichtig, 95 Kilo bei 1,69 m, also da gibt es nichts schön zu reden.

Dieses Gewicht habe ich erreicht als ich aufhörte zu reglementieren, und seitdem hält es sich hartnäckig, obwohl ich nicht das Gefühl habe mich zu überessen, na ja, vielleicht doch hin und wieder, aber nur mit kleinen Mengen.

Vor meiner Esssuchttherapie wäre ich überglücklich gewesen, hätte ich so ’normal‘ essen können wie jetzt, und meine Vorstellung war, wenn ich es kann, dann werde ich auch ein ’normales‘ Gewicht haben. 95 Kilo habe ich mir dabei nicht vorgestellt.

In ihrem Buch sprechen sie nicht über konkrete Zahlen, ich lese es aber so, dass sie zwar zugenommen haben aber nicht so richtig übergewichtig waren, also ich mit meinem BMI von 33 bin eindeutig stark übergewichtig.

Braucht es doch eine Reglementierung?

Also nun meine Frage: Haben sie es erlebt, zum Beispiel bei Ihren Klienten, dass auch stark Übergewichtige abgenommen haben ohne Reglementierung? Und haben Sie eine Idee worauf ich noch genauer schauen könnte?

Denn zufrieden bin ich mit diesem Gewicht nicht. Und reglementieren kann ich nie mehr, will ich auch nie mehr, die Härte und die Gewalt habe ich längst hinter mir gelassen. Trotzdem bin ich seitdem ich es nicht mehr mache dick.

Noch zum Verständnis, ich war in meiner Jugend klassische Tänzerin und sehr dünn (47 kg), natürlich stark reglementiert. Nachdem ich aufgehört habe, nahm ich zu und die Essanfälle fingen an, trotzdem bewegte sich mein Gewicht zwischen Diäten und Fressphasen immer zwischen 50-70 kg.

Nach den Schwangerschaften mit meinen ersten 3 Kindern, habe ich es geschafft jedes Mal wieder abzunehmen, bis zu 40 Kilo pro Schwangerschaft. Nach der vierten ging es nicht mehr ganz so gut, ich wollte keine Diäten mehr machen und hörte damit auf.

Die fünfte Schwangerschaft erlebte ich also schon diätfrei, aber mit der Gewichtszunahme, nach der Geburt nahm ich erst bis auf 85 kg ab und freute mich, wähnte mich schon geheilt, hatte ich ja schon gelernt mit dem Essdruck zu arbeiten, auf mein Hunger- und Sättigungsgefühl zu hören und auf summende und winkende Nahrungsmittel.

Nach etwa einem Jahr fing ich zu meinem Entsetzen an wieder langsam zuzunehmen, bis ich mein heutiges Gewicht erreichte, dass ich nun seit etwa drei Jahren halte. Egal wie sehr ich auf Hunger- Sättigung usw. achte, es scheint partout nicht gehen zu wollen.

Aber ich bin eindeutig dick, der Körper kann doch nicht allen Ernstes so dick sein wollen, oder? Was meinen Sie?

Ich möchte noch ergänzen, dass ich in den Therapiegruppen, die ich gemacht habe, gab es zwei Gruppen von Frauen: die ‚Dünnen‘, die mit viel Reglementierung ihr Gewicht bisher gehalten hatten und die ‚Dicken‘. Und in all den Jahren habe ich erlebt, dass viele der ‚Dünnen‘ ihr Gewicht in etwa halten konnten und mit dem Reglementieren aufhörten oder auch mit dem Erbrechen, also von der Sucht befreit wurden.

Ich kenne allerdings keine einzige der ‚Dicken‘, mich eingeschlossen, die ihr Wohlfühlgewicht erreicht hätte. Also manche nahmen am Anfang etwas ab, dann stoppte es und das war’s, manche nahmen überhaupt nicht ab oder sogar zu. Obwohl sehr viele so wie ich der Meinung sind, inzwischen normal zu essen.

Ich wäre über eine Antwort sehr dankbar. Liebe Grüße, Candida Kraus

Für wen funktioniert intuitives Essen NICHT?

Bevor wir uns der Frage zuwenden, wie man mit intuitiven Essen Gewicht verlieren kann, möchten wir uns zunächst den Hürden des intuitiven Essens zuwenden:

Unserer Erfahrung nach fällt es schwer, sich intuitiv zu ernähren, wenn man an einer Essstörung leidet oder stark von emotionalem Essverhalten betroffen ist.

Wieso ist das so?

Intuitives essen bedeutet, auf seinen Körper zu hören und ihm zu geben was er braucht.

Genau das ist die Krux bei einer Essstörung:

Eine Essstörung zu haben bedeutet, dass man abgekoppelt von seinem Körper lebt, ihn sogar hasst.

Die Seele weint, es herrscht ein schier unendlich großer emotionaler Mangel und es wird unbewusst versucht, diesen mit Essen zu stopfen.

Liegt eine Essstörung vor, sind der physische Hunger und der emotionale Hunger (Mangel) eng miteinander verwoben. Es gelingt kaum zu unterscheiden, wer von beiden gerade nach Nahrung verlangt. Das macht es schwer, seinen wahren körperlichen Bedürfnissen zu folgen.

Essstörungen torpedieren das intuitive Essen

Wenn man an einer Essstörung leidet, werden die Versuche, intuitiv zu essen torpediert:

  • In der Essstörung gelten viele Lebensmittel als verbotene Sünden. Wenn der Körper beispielsweise nach Kuchen verlangt, wird versucht ihm das auszureden. „Das bildest du dir bestimmt nur ein, das kann kein echtes Bedürfnis sein!“
  • Leidet man an einer Essstörung, ist das Repertoire an „erlaubten“ Speisen und Lebensmitteln oft begrenzt. Die Bedürfnisse des Körpers werden unbewusst kontrolliert, sodass sie in diesen vorgegebenen Rahmen passen. Man erlaubt sich das intuitive Essen nur dann, wenn der Körper nach “Gesundem“ verlangt.
  • Bei einer Essstörung steht das Abnehmen im Vordergrund. Da fällt es schwer, genügend Geduld aufzubringen, falls das Gewicht sich nicht rasch genug in die gewünschte Richtung bewegt.
  • Der eigene Körper wird als Alien oder Monster erlebt, es besteht kein Vertrauen, dass er kluge Botschaften parat haben könnte. Wenn man sich intuitiv ernähren möchte, braucht es allerdings Vertrauen in genau diesen Körper.
  • Das Essverhalten wird mit Erfolg gekoppelt. Wenn man es nicht schafft, „immer“ intuitiv zu essen, kommen Selbstvorwürfe hoch. Man fühlt sich als größte/r Versager/in auf Erden, die scheinbar natürlichste Sache der Welt nicht hinzubekommen. Der innere Kritiker ermahnt, mehr Disziplin aufzubringen. Somit ist man wieder in der Diät-Mentalität gefangen.
  • Menschen mit Essstörung essen unbewusst aus vielerlei Gründen, beispielsweise aus Angst, Einsamkeit, Langeweile – da fällt es schwer, den physischen Hunger zu erkennen.
  • Menschen, die von Essstörungen betroffen sind, führen oft ein Leben, das nicht stimmig ist. Da dies verdrängt wird, zeigt sich der dadurch entstehende Druck als ständiges Bedürfnis nach Essen, ein ständiger Essdruck. Dieser ist oft auch unter Tags hoch, sodass es schwierig wird, intuitiv festzustellen, ob der Körper hungrig ist.
  • Ein wesentliches Merkmal von Essstörungen sind regelmäßige Essattacken, vor allem abends. Diese bewirken eine Art Trance-Zustand, in dem man nicht mehr bewusst essen kann. Der Sucht-Druck verlangt nach raschem und unkontrolliertem Schlingen, nach großen Mengen an fettigen und / oder zuckrigen Speisen.
  • Dieser Drang nach Essen ist so stark, sodass kein „nein“ der Welt einen daran hindern könnte, jetzt zu essen, selbst wenn eindeutig kein körperlicher Hunger da ist.

Selbsttest: Habe ich eine Essstörung?

Die Essstörung braucht Beachtung

Damit das intuitive Essen nicht zu einem weiteren Diätmisserfolg wird, ist es wichtig, nicht mehr süchtig nach Essen zu sein.

Es geht also darum zu lernen, seinen seelischen Hunger mit anderen Dingen als mit Essen zu stillen, sodass man seinen körperlichen Hunger klar spüren kann.

Niemand hat gerne eine Krankheit der Psyche und sich das einzugestehen ist sehr schwer und braucht viel Mut.

Doch wenn das der Grund ist, wieso das intuitive Essen nicht klappt, kann die Erkenntnis auch befreiend sein. Man fühlt sich dann nicht mehr als unfähigster Mensch auf der Welt. Der Weg ist frei für die Erkenntnis: Da steckt viel mehr dahinter, als ich dachte. Da gilt es tiefer zu blicken.

Falls Sie an einer Essstörung leiden, unser Rat an Sie: Den Weg alleine aus dem Teufelkreis zu finden, ist unserer Erfahrung nach fast nicht möglich. Wer an einer Essstörung leidet, braucht professionelle Hilfe. Zahlreichen Input für diesen Weg erhalten Sie im Buch „Essanfälle adé“ * von Olivia Wollinger.

Abnehmen mit intuitivem Essen – ein persönlicher Erfahrungsbericht

Ich (Olivia) möchte nun mit Ihnen meinen persönlichen Weg zu meinem heutigen Gewicht teilen:

Als ich mich von dem zwanghaften Verhalten Essverhalten befreit hatte, pendelte sich mein Gewicht auf ein stabiles Niveau ein.

Ich empfand diese Stabilität als Erleichterung, denn während meiner Essstörung hatte ich das Gefühl, beim bloßen Anblick eines Kuchens in die Breite zu gehen. Es war für mich eine große Erleichterung zu merken: Ich darf Kuchen essen und wenn ich ihn essen, passiert nichts, mein Gewicht bleibt stabil.

Da ich am Weg aus meiner Sucht zunehmend an Selbstliebe gewann, konnte ich meinen Körper trotz des höheren Gewichts akzeptieren, wie er war. Endlich! Der selbstzerstörerische Selbsthass begleitete mich nicht mehr. Das Leben wurde einfacher, schöner und lebenswerter.

Interessant war, dass das Gewicht, dass ich damals hatte, deutlich höher war als mein Zielgewicht, das ich jahrelang versuchte zu erreichen. Dennoch fühlte ich mich wohl in meiner Haut und eigentlich hätte ich nichts ändern müssen …

… wenn es da nicht dieses eine Problem gegeben hätte: Ich bin 1,83 m groß und mit meiner damaligen Kleidergröße Hosen zu finden, die mir in Breite und Länge passten, war äußerst mühsam.

Aus Selbstliebe entschloss ich mich daher, eine Kleidergröße abzunehmen. Nur eine, das reichte, um wieder in meinem Lieblingsladen einkaufen zu können.

Der große Unterschied zu meiner Suchtzeit: Ich strebte keinen perfekten Körper mehr an, kein „so dünn wie möglich“. Ich hatte keine Träume mehr von „Wenn ich abnehme, dann wird alles besser.“ Mein Leben hatte zwar noch Verbesserungspotential, aber im Grunde war es gut, wie es war.

Ich mochte mich, wie ich war, ich wollte nur meine Kleiderauswahl einfacher machen.

Abnehmen in Selbstliebe. Wie geht das?

Nach all den Jahren der Kasteiung funktionierten keine Verbote mehr. Sobald ich es auch nur versuchte, reagierte ich sofort mit einer Trotzaktion. (Kuchen! Kuchen! Noch mehr Kuchen!!) Also war ich wohl noch nicht so weit, mir etwas wegzunehmen, daher begann ich, Dinge hinzuzufügen.

Bewusstes experimentieren mit neuen Gewohnheiten

Ich konsultierte eine 5-Elemente Ernährungsberaterin und bekam von ihr eine auf meine Konstitution abgestimmte Ernährungsempfehlung.

Der große Unterschied zur Sucht:

Die Liste, die ich bekam, verstand ich als eine Empfehlung. Ich versuchte erst gar nicht, alle Punkte akribisch zu befolgen und alles sofort umzustellen. Ich fing an zu experimentieren, zu erforschen.

Der erste Schritt war Porridge. Da mein Körper in der Früh immer nach „süß“ und „weich“ verlangte, aß ich meistens Süßspeisen vom Bäcker. Wie wäre es, stattdessen am Wochenende Porridge mit Früchten auszuprobieren? Das kannte ich zuvor nicht, konnte also nicht intuitiv danach verlangen.

Ich hatte damals schmerzhafte Blähungen und im Winter war mir oft eiskalt. Meine Beraterin meinte, dass Porridge dafür gut wäre. Da ich ihr vertraute und es schlüssig klang, wollte ich das Neue ausprobieren.

Liebevoller Umgang mit Widerständen

Natürlich meldete sich sogleich mein sich am Boden wälzendes schreiendes inneres Kind (das ich im Buch „Essanfälle adé“ vorstellte).

Ich nahm mein inneres Kind in Liebe an und versicherte ihm, dass es auf die Bäckerei-Dinge nicht verzichten muss, aber vielleicht doch etwas Neues probieren möchte?

Interessant war, dass mir mit der Zeit das Porridge so gut schmeckte, dass ich keine Süßwaren von der Bäckerei mehr wollte. Aber das war eine Entwicklung, die seine Zeit brauchte, und viel Liebe und Geduld.

Experimentieren mit neuen Gewohnheiten

Weiters aß ich damals viele Fertigprodukte, Fertigsoßen und -suppen und Tiefkühlkost. Meine Beraterin riet mir, diese zu ersetzen. Da musste ich also auf nichts verzichten, sondern neue Gewohnheiten in meinem Alltag einführen. Dennoch brauchte das Zeit und Aufmerksamkeit. Ganz langsam, in Liebe, Schritt für Schritt.

Weiters riet mir meine Beraterin, auf kalte Getränke zu verzichten. Am Anfang schmeckte mir das nicht, aber ich vertraute darauf, dass es besser für mich sei und versuchte mich mit dieser Empfehlung anzufreunden. Ich entdeckte, dass ich heißes Wasser mochte, das war etwas Neues für mich.

Außerdem lernte ich neue Gemüsesorten kennen und lieben, beispielsweise Kürbis, wow, war der lecker und süß noch dazu! Auch Ofenkartoffel waren im Nu zubereitet und eigentlich fand ich sie wesentlich schmackhafter als Pommes Frites vom Fastfood-Laden.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich so an frisch gekochte Speisen, dass ich irgendwann Fertiggerichte völlig freiwillig nicht mehr essen wollte.

Ich brauchte diese Gewöhnungszeit. Ich gab jeder neuen Speise mindestens 5x eine Chance. Es kam mir ein bisschen vor wie die Essenschulung von Babys.

Irgendwann konnte ich auch nichts Kaltes mehr trinken. Meine Gewohnheiten hatten sich verändert.

Den Experimenten Zeit und Muße schenken

Ich denke heute, dass es wichtig war, neue Dinge neugierig ausprobieren. Denn wie kann ich z.B. intuitiv nach Kürbis verlangen, wenn er mir zuvor nicht vertraut war?

Natürlich brauchte das Zeit und Muße. Ich musste dieser Forschungsreise also bewusst Wichtigkeit einräumen.

Da ich nicht mehr süchtig nach Essen war, war es mir möglich, meinen kindlichen Forschungsgeist zu erwecken. Es konnte wirklich Freude machen, herauszufinden, was mir schmeckte und gut tat!

Eine neue Runde Selbstehrlichkeit

Dann war eine weitere Runde an Selbstehrlichkeit gefragt und mir ein paar Fragen zu stellen:

  • Aß ich wirklich nur bei physischem Hunger?
  • Oder doch auch weil es einfach gemütlich war oder weil ich mir die Arbeit versüßen wollte?
  • Musste ich wirklich nach jedem Essen aus Gewohnheit ein paar Rippen Schokolade essen, weil „süß“ dann noch summte oder reichte nicht auch nur ein Stück davon?
  • Waren die Mengen die ich aß immer noch angemessen?

Ich machte wieder ein Ernährungsprotokoll, doch dieses war völlig anders als in meiner Suchtzeit. Es stand nicht mehr die Kontrolle im Vordergrund, sondern das Erforschen meiner Gewohnheiten.

Es ging diesmal nicht um Kalorien, sondern um folgende Fragen:

  • Wie oft aß ich?
  • Aß ich mit Ablenkung?
  • An welchem Ort aß ich?
  • Achtete ich auf meine Sättigung?
  • Was trank ich?

Dieses Ernährungsprotokoll war sehr erhellend für mich, denn es zeigte mir, dass ich nicht so bewusst aß, wie ich dachte.

Intuitiven Zugang zum Sport finden

Auch Bewegung wurde wieder zu einem wichtigen Thema.

Durch meine Fitness-Center Exzesse während meiner Sucht verweigerte ich Bewegung eine Zeit lang komplett. Ich war gefordert, jene Bewegungsform zu finden, die mir wirklich Freude bereitete und diese in den Alltag zu integrieren. Ich experimentierte einige Zeit herum, bis mir das gelang.

Im Zuge dessen musste ich mich auch mit alten Themen beschäftigen, beispielsweise dass man mir oft als Kind vermittelte, ich sei zu langsam oder zu faul. Es wurde Zeit, Bewegung aus Freude heraus zu entdecken.

Neuer Lebensstil statt rascher Ergebnisse

Mit Hilfe all dieser Maßnahmen nahm ich die eine Kleidergröße ab, was mehrere Monate dauerte. Es war – im Gegensatz zu meiner Suchtzeit – keine kurzfristige Diät, mit der ich rasche Erfolge erwartete.

Im Gegenteil:

Ich führte einen neuen Lebensstil ein, ganz langsam. Daher kippte mein Verhalten nicht bei Stressmomenten, da es zur Normalität wurde. Auf diese Weise ich hielt ich mein neues Gewicht problemlos. Und ich konnte wieder in meinen Lieblingsladen einkaufen gehen.

Was braucht der Körper? Was braucht er wirklich?

Der Satz, der in der Mail der Leserin zitiert wurde, ist auch mein Lieblingssatz, er lautet:

„Ich wollte lernen, meinem Körper das zu geben, was er braucht, und das Gewicht zu akzeptieren, das er sich aussuchen möchte.“

aus: „Essanfälle adé“, Ullstein Verlag *

Allerdings wurde in der Mail nur der zweite Teil des Satzes zitiert, ich finde den ersten Teil mindestens ebenso wichtig:

Was braucht der Körper? Was braucht er wirklich?

Das Experiment mit dem Zuckerkonsum

Irgendwann war mein emotionaler Hunger so weit genährt, dass ich mich auf einen weiteren Schritt einlassen konnte:

Ich wollte meinen Zuckerkonsum reduzieren, da ich am Nachmittag oft bleiern müde war. Ich wollte mich vitaler fühlen.

Also verzichtete ich für ein paar Wochen auf Zucker. Dies war mir nur deswegen möglich, da ich mir am Weg aus meiner Sucht alle Süßigkeiten dieser Welt erlaubte und damit keinen Mangel mehr empfand, wenn ich ein paar Wochen auf Zucker verzichten würde.

Dennoch kann ich nicht behaupten, dass das einfach war. Ich brauchte all meine liebevolle Überredungskunst, um mich von  Süßigkeiten fernzuhalten.

Zu Gute kam mir, dass ich durch meinen Weg aus der Sucht lernte, meinen emotionalen Hunger mit anderen Dingen als mit Süßigkeiten zu versorgen.

Nach dieser Phase kam Zucker wieder in mein Leben, aber in deutlich geringerem Ausmaß als vorher. Ich war gefordert, eine bewusste Balance zu finden, denn mein Leben lang immer auf Zucker verzichten wollte ich nicht.

Massenware mit Zusatzstoffen schmeckte mir nicht mehr, ich entwickelte eine Vorliebe für herrliche, selbstgemachte Kuchen. Auch bei Schokolade legte ich ab nun viel mehr Wert auf Qualität. Ich brauchte dadurch bedeutend weniger an Quantität.

Backte ich selbst, ersetzte ich weißen Zucker durch Ahornsirup, Honig, Dattelsüße, braunen Zucker etc., weil ich das Gefühl hatte, dass mir das besser tat und meine Geschmacksknospen liebten das auch.

Meine Naschlade, die ich immer zu Hause hatte, verschwand, so dass ich nicht mehr so leicht Zugriff auf Süßigkeiten hatte. Da ich nicht mehr in der Sucht war, gab es dennoch keine nächtlichen Tankstellenbesuche.

Wenn Süß summte, fragte ich mich sehr genau, ob es wirklich ein Summer ist, oder doch nur ein Zuwinker und vor allem wieviel Menge ich davon brauche.

(Anmerkung: Grob erklärt sind „Zuwinker“ Lebensmittel oder Speisen, die plötzlich vor einem auftauchen, „Summer“ jene, die einem inneren Bedürfnis entspringen – das Konzept wird im Buch Essanfälle adé genau erklärt.)

Wenn der seelische Hunger gesättigt ist, braucht echter Genuss Qualität, keine Quantität.

Ich betone nochmals – weil ich davon ausgehe, dass dieser Artikel auch von Menschen gelesen werden, die noch mitten in der Essstörung stecken: Diese Experimente mit Zucker waren mir erst möglich, nachdem Zucker zu einem erlaubten Lebensmittel wurde. Für mich hieß das Monate lang täglich Nougatkrapfen und Topfenbällchen als Frühstück, Kekse als Nachmittagssnack und oft noch Schokolade zum Abendessen. Genaueres erfahren Sie in meinem Buch „Essanfälle adé“.

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Liebevolle Reglementierung ist möglich

Und so forsche und experimentiere ich noch heute und entdecke immer wieder neue Dinge, die mir gut tun.

Ich habe heute deutlich weniger Gewicht als in meiner Zeit der Essstörung.

Wie sie an meiner Geschichte lesen können, kann ich nicht behaupten, mein Gewicht „wie von selbst“ verloren zu haben.

War dies eine Reglementierung?

Ja, war es.

Empfinde ich sie als Kasteiung, als Mangel?

Nein, tue ich nicht.

Das ist für mich der entscheidende Unterschied zur Sucht.

Durch all meine Experimente bin ich heute verbunden mit meinem Körper und kann spüren, was er braucht. Das war mein (Olivia) Weg zum intuitiven Essen.

Gewicht verlieren mit intuitivem Essen

Wie Sie sehen können, ist dieser Prozess des Abnehmens nicht über Nacht geschehen und auch mit keiner Wunderdiät.

Wenn man eine lange Vorgeschichte mit ständigen Diäten hatten, braucht unserer Erfahrung nach das Abnehmen mit Selbstliebe und Fürsorge eine Menge Geduld. Der Weg wird Schritt für Schritt gegangen, ohne rasche Erfolge zu erwarten.

Suchtgedanken wären:

Ich hasse mich, ich MUSS mich ändern, JETZT SOFORT, sonst werde ich niemals glücklich sein, ich MUSS strenger zu mir sein, ich MUSS endlich Disziplin aufbringen, ich MUSS mir beweisen, dass ich nicht die größte Versagerin auf der Welt bin. Alle anderen schaffen das doch auch so mühelos. Ich darf auf keinen Fall Lebensmittel X essen, sonst habe ich versagt.

Die Reglementierung steht im Vordergrund, nicht das Wohlbefinden.

Suchtfrei ist:

Ich liebe mich, wie ich bin, ich bin wertvoll, so wie ich bin. Ich prüfe meine Motivation. Dann treffe ich bewusst eine Entscheidung für mich. Ich darf wählen, was mir im Moment wichtig ist.

Das Wohlbefinden steht im Vordergrund, nicht die Reglementierung.

Liebevolle Reglementierung ohne Sucht

Dennoch braucht es eine gewisse Reglementierung. Das klingt nun nach Widerspruch. Unsere westliche Welt, denkt oft in „entweder – oder“. Aber es kann auch ein „und“ sein.

Es geht darum zu lernen, auf die Botschaften des Körpers zu hören UND das erfordert, öfters mal nein zu bestimmten Lebensmitteln zu sagen, sich also zu reglementieren.

Wir begegnen in unseren Praxen oft Menschen, die sich wünschen, endlich nicht mehr über das Essen nachdenken zu müssen und sich völlig natürlich – intuitiv – ernähren zu können, ohne große Anstrengung.

Disziplin darf auch liebevoll eingesetzt werden

Unsere Erfahrungen sind andere, nämlich dass auch intuitives Essen sehr wohl eine gewisse Anstrengung im Sinne von Fokussierung bedeutet:

  • Entlang der eigenen Körperbedürfnisse zu leben, bedeutet auf viele Lebensmittel und Speisen, die uns unter Tags begegnen, zu verzichten. In unserer Überflussgesellschaft sind wir damit ständig konfrontiert.
  • Wenn man satt ist und der Teller aber noch nicht geleert, braucht es Disziplin, um sich den Rest einpacken zu lassen und erst später zu essen, obwohl es immer noch so gut schmeckt.
  • Manchmal braucht es den Einsatz von bestimmten Techniken wie z.B. EFT, mit deren Hilfe man die Ursachen auflösen kann. Das kann z.B. der anerzogene Zwang, den Teller leer zu essen sein, oder  das Gefühl, zu kurz zu kommen.
  • Manchmal spürt man genau, dass man etwas gerade nicht will oder braucht, beispielsweise ein Eis, obwohl man es üblicherweise sehr mag. Wenn sich der Partner dennoch ein Eis kauft, braucht es ganz schön Willensstärke, ihm nicht die Hälfte wegzuessen.
  • Intuitiv essen erfordert Zeit und Muße um zu nachzuspüren: „Was will ich jetzt eigentlich wirklich?“ Das heißt, wenn wir durch unseren Tag hetzen, wird intuitives Essen schwierig.
  • Manchmal bedeutet es eine gewisse Planung. Wenn man zum Beispiel eine bestimmte Speise zubereiten möchte, ist es notwendig die Ressourcen dafür einzuplanen. Oder wenn man den ganzen Tag unterwegs ist, muss man sich überlegen, wie man zu seinem dem individuell passenden Essen kommt, das wohl tut.
  • Selbst wenn man nicht (mehr) an einer Essstörung leidet, wird sich hin und wieder der emotionale Hunger melden und nichts ist einfacher, als ihn mit ein paar Süßigkeiten zu befriedigen. Hier ist man gefordert, eine gesunde Balance zu finden.

Darf man mit Intuition wirklich alles essen?

Auch beim intuitiv Essen gibt es Einschränkungen und zwar dann, wenn Essen dem Körper nicht guttut.

Hier geht es darum zu spüren, was der Körper braucht, statt den Kopf aufgrund von unzähligen Diätgedanken entscheiden zu lassen.

Doch damit der Körper nach bestimmten Lebensmittel oder Speisen verlangen kann, muss er sie erstmal kennen.

Es geht also darum, sein Spektrum zu erweitern, damit man aus vielen Möglichkeiten wählen kann.

Erweiterung des Spektrums

Früher aß ich (Olivia) überwiegend kalte Speisen wie Joghurt, Brot, Hüttenkäse, rohes Gemüse und Obst. Damals hatte ich starke Blähungen und mir war immer kalt, dennoch konnte ich keinen Zusammenhang mit meinen Essgewohnheiten herstellen.

Diese Verbindung war durch meine Sucht unterbrochen. Ich musste andere Speisen erstmal kennenlernen, damit mein Körper danach verlangen konnte.

Früher dachte ich, dass mir Gemüse nicht schmecke würde, bis ich entdeckte, dass das nicht stimmte. Ich wusste nur nicht, wie hoch die Qualitätsunterschiede sein können und wie man es schmackhaft zubereitet.

Ich war Tiefkühlgemüse gewohnt und entdeckte erst mit der Zeit meine Vorliebe für frisches Gemüse. Interessant war für mich herauszufinden, dass so manches importierte Glashausgemüse nach nichts schmeckte, im Vergleich zu saisonalem Bio-Gemüse.

Es gibt verschiedene Arten, Bedürfnisse zu befriedigen

Außerdem geht es darum, zwar auf die Bedürfnisse seines Körpers zu hören, gleichzeitig aber zu entscheiden, auf welche Art und Weise man sie befriedigt.

Ich (Olivia) beispielsweise liebe Süßes. Stillte ich meinen Süßappetit jeden Tag mit Kuchen, würde ich mich nicht wohl fühlen, denn zu viel Zucker macht mich müde und dumpf im Kopf.

Daher war es für mich notwendig, meinen Appetit nach süß zu übersetzen. Mittlerweile esse ich täglich hochwertiges Getreide (Hirse, Hafer, Gerste etc.), das nach der TCM (traditionelle chinesische Medizin) als süß eingestuft wird. Das hat langfristig meinen Hunger auf Zuckersüß reduziert.

Wenn ein bestimmter Kuchen tatsächlich summt, dann brauche ich ihn nicht mehr in großer Menge, meistens teile ich ihn mit meinem Partner oder mit einer Freundin.

Wenn man abnehmen möchte, muss die Ernährungsweise erneut einer Prüfung unterzogen werden. Wir haben gute Erfahrungen mit folgendem gemacht:

  • Nahrungsstoffe künstlicher Herkunft (z.B. Geschmacksverstärker, Aromen, Süßstoff, Lebensmittelfarbe, Konservierungsstoffe), wie sie in vielen Lebensmittel als auch Getränken zu finden sind, tun dem Körper nichts Gutes.
  • Wir halten nichts von „Light“-Produkten oder Diätspeisen. Fertiggerichte sollten so weit wie möglich durch frische ersetzt werden. Dies bedeutet keinen Verlust an Genuss, vielmehr eine Umstellung der Alltagsgewohnheiten.
  • Wer sich einseitig von Nudeln und Brot ernährt, darf seinen Speiseplan mit hochwertigen Kohlehydraten anreichern, z.B. in Form von Haferflocken, Hirse, Gerste, Quinoa, Vollwertreis.
  • In vielen Speisen ist Zucker versteckt, beispielsweise in Salzstangen, Chips, Ketchup, Sushireis und vielen anderen Fertigprodukten. Obwohl der Körper also gar nicht nach süß verlangt, wird ihm Zucker zugeführt. Wenn man abnehmen möchte, ist es wichtig, Bewusstsein für den Zucker, den man zu sich nimmt, zu schaffen.
  • Ebenso braucht es Bewusstsein für die Fettarten, die wir zu uns nehmen, Stichwort Transfette. Wir legen großen Wert auf hochwertige Fette wie z.B. Cocosöl, Ghee und Speiseöle biologischer Herkunft.
  • Es ist die Frage, ob ein zu hoher Konsum von Fleisch und Wurstprodukten vom Körper verarbeitet werden kann. Vielleicht tut es dem Körper wohler, dies als Beilage zu essen und dafür achtsamer und mit hohem Genuss.
  • Der Alkoholkonsum wirkt sich stark auf das Gewicht aus.
  • Die Beschäftigung mit dem Säuren-Basenhaushalt lohnt sich unserer Erfahrung nach für den Gesamtgesundheitszustand.
  • Wir glauben, dass es notwendig ist, sich mit dem Kochen bzw. Backen zu beschäftigen. Erst dadurch wird es möglich, die Qualität von Speisen zu beurteilen.
  • Obst-Smoothies sind ein Anschlag auf die Leber, da sie sehr konzentrierten Fruchtzucker enthalten. Es tut dem Körper gut, nur jene Menge an Obst in Form eines Smoothies zu sich zu nehmen, die man auch so essen würde.

Gesunder Umgang mit Reglementierung

Um mit einer solchen Liste gesund umgehen zu können, ist es wichtig, von der Sucht befreit zu sein. Denn sonst liest man diese Liste und denkt: “Aha, ich darf also keinen Zucker essen?” und das wäre dann nur eine weitere Diät.

Es geht aber um keine weitere Liste von “das darf ich” und “das ist verboten”.

Eine Balance finden

Es geht darum, Balance im Leben zu finden und bewusste Entscheidungen zu treffen und einen Lebensstil zu finden, der zu einem passt und zwar dauerhaft.

Essen darf neu erlebt, neu erforscht werden, auf lustvolle Art und Weise. Verschiedenste Konzepte des gesunden Essens dürfen angeschaut, ausprobiert und auf Genuss, Spaß und Integrierbarkeit in den Alltag geprüft werden.

Gesundes Essen ist all das, was einem kurzfristig UND langfristig gut tut. Es geht nicht darum, sich vom Kopf her etwas aufzuzwingen, sondern in echter Verbindung mit seinem Körper zu stehen. Es werden bewusste Entscheidungen getroffen. Nichts ist grundsätzlich gut oder schlecht. Es ist nur für den Moment passend oder nicht.

Wenn man mit sich verbunden ist, ist das auf sich Achten ist keine lästige Pflicht mehr, sondern ein Teil des liebevollen Umgangs mit sich selbst. Und das darf Zeit in Anspruch nehmen. Und Freude machen.

Achtsamkeit für den Weg

Falls eine Sucht bestand, ist es auf diesem Weg wichtig, achtsam zu bleiben hinsichtlich der Fragen:

  • Tut mir das Schrauben an meiner Ernährung gut? Oder treibt es mich wieder in mein Suchtverhalten?
  • Sind die Änderungen stimmig für mich oder erwarte ich wieder zu viel auf einmal?
  • Ist ein Hilfsmittel wie – bespielsweise ein Schrittzähler oder eine Fitness-App – tatsächlich hilfreich oder übernimmt es die Kontrolle?
  • Hoffe ich auf die Wunderdiät, die wie mit einem Zauberstab die Lösung bringt?

Umstellung von Verhaltensmustern

Es geht also darum, Verhaltensmuster oder Lebensgewohnheiten umzustellen, damit der Körper mehr Gelegenheit bekommt, seine wahren Bedürfnisse zu kommunizieren.

Darüber hinaus ist es notwendig, auf diese Bedürfnisse angemessen zu reagieren.

Solcherlei Umstellungen sind immer auch mit Aufwand verbunden.

Ein Aufwand allerdings, der sich definitiv lohnt.

Fragen zu Essgewohnheiten

Wir haben ein paar Fragen zusammengestellt, die Ihnen helfen könnten, zu erforschen, ob vielleicht noch die einen oder anderen „Hausaufgaben“ zu erledigen sind:

  • Wie gut kann ich die echten Bedürfnisse meines Körpers wahrnehmen?
  • Wie oft lasse ich mich von Essen verführen, das ich im Moment gar nicht wirklich brauche?
  • Esse ich überwiegend in ruhigem Rahmen oder mit Hast und Eile?
  • Esse ich achtsam oder schaufle ich alles in Windeseile in mich hinein?
  • Wie oft kompensiere ich Gefühle mit Essen? (z.B. Langeweile, Stress, innere Unruhe, Süßigkeiten, wenn mich eine Arbeit nicht freut etc.)
  • Höre ich bei Sättigung auf zu essen, oder darf es öfters mehr sein?
  • Habe ich Angst, dass ich, wenn ich jetzt nicht „auf Vorrat esse“, nachher Hunger bekommen könnte und das nicht aushalten kann?
  • Habe ich den inneren Drang, meinen Teller “brav” leer zu essen?
  • Wie bewusst ist mir, was ich über den Tag verteilt zu mir nehme?
  • Bin ich fähig, Genuss zu empfinden mit Qualität oder ist bei mir Genuss = Quantität?
  • Esse ich heimlich? Mit schlechtem Gewissen? Ohne zu genießen, ohne zu schmecken?
  • Kann ich spüren was mein Körper braucht, oder orientiere ich mich ausschließlich an äußeren Maßeinheiten wie der Zahl auf meiner Waage und Kalorienvorgaben aus Diätprogrammen oder Apps?
  • Fühle ich mich verpflichtet, in Gesellschaft anderer mitzuessen, aus vermeintlicher Höflichkeit, oder um nicht aufzufallen, selbst wenn ich keinen Hunger habe?
  • Wenn ich eingeladen bin oder zu Gast bei der Familie: Traue mich, Essen abzulehnen, das ich nicht mag? Den Nachschlag nicht zu akzeptieren oder mir nichts einpacken zu lassen?
  • Habe ich, wenn ich mit anderen esse, die Angst zu kurz zu kommen. Esse ich dann gierig, ohne Hunger, mehr als mir guttut?
  • Darf ich Essen wegwerfen, wenn ich übersatt bin? Oder muss ich alles aufessen, weil das Essen Geld gekostet hat oder ich ein schlechtes Gewissen habe wegen dem Welthunger?

Fragen zu emotionalen Hintergründen

Manchmal hat Übergewicht eine ganze Reihe von emotionalen Gründen. Folgende Fragen können hier Klarheit bringen:

  • Glaube ich, dass ich, wenn ich schlank sein werde, ein besserer und glücklicherer Mensch sein werde?
  • Für wen will ich abnehmen? Will ich Ansprüchen von außen genügen?
  • Wie ist es mit Übergewicht in meiner Familie? Ist das eine Tradition? Gehöre ich nur dann dazu als Frau in meiner Familie, wenn auch ich dick bin?
  • Werden Familienmitglieder oder Freundinnen neidisch sein, wenn ich schlanker bin als sie? Werde ich das „büßen“ müssen und mit Ausgeschlossen-Werden bezahlen?
  • Schützt mich das Dick-Sein davor, Anforderungen erfüllen zu müssen, mehr leisten zu müssen?
  • Ist mein Dicksein eine Schutzschicht?
  • Macht es mich vermeintlich weniger attraktiv, weniger sichtbar für die Männerwelt?
  • Schützt es mich vor sexuellen Übergriffen? Jede 7. Frau hat einen oder mehrere sexuellen Übergriffe erleben müssen. Das kann Auswirkungen auf das Essverhalten haben und eine unbewusste Vorstellung von einem Gewicht erzeugen, das scheinbar Sicherheit verspricht. (Die amerikanische ACE-Studie hat einen direkten Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und Übergewicht hergestellt.)
  • Erlaubt mir meine physische “Ausdehnung”, den Raum zu beanspruchen, den ich mir sonst nicht nehme?
  • Ist mein selbstsabotierendes Essverhalten eine Folge von nicht ausgedrücktem Ärger gegenüber den Respektspersonen meiner Kindheit? Stecke ich in einer Rebellion fest, die mir heute nur noch schadet? Wehre ich mich mit dem zu viel Essen und zu viel Gewicht gegen all die Reglementierung und Unterdrückung in Kindheit und Jugend?
  • Bietet mir das Essen die Fülle, die Süße und den Geschmack von Intensität oder Abenteuer, die ich in meinem Leben vermisse? Unterdrücke ich durch das viele Essen meine vielleicht beängstigende Lebendigkeit, meinen Lebenshunger?
  • Habe ich die innere Erlaubnis, schlank zu sein? Habe ich in einem weiteren Sinne die Erlaubnis zu strahlen, mein bestes Selbst zu werden?
  • Wie steht es mit Balance in meinem Leben? Führe ich ein Leben nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ und übertrage ich das auch auf das Essen? „Wenn schon ein Kuchen, dann das ganze Blech!“

Fragen zur Motivation

  • Abnehmen ohne Jo-Jo-Effekt braucht Geduld, vor allem wenn man das 30. Lebensjahr überschritten hat. Wenn man langfristig abnehmen möchte, kommt man um einen Wandel im Lebensstil nicht herum. Die Frage ist: “Will ich das wirklich?”
  • Bin ich bereit, mein Leben genau zu betrachten, meine Art, mein Leben zu gestalten, genau anzuschauen im Hinblick auf Stressoren, die mich essen lassen?
  • Bin ich bereit, Zeit zu investieren?
  • Möchte ich mein Verhalten ehrlich betrachten und gegebenenfalls Veränderungen zu üben?
  • Habe ich Lust dazu, eingeschliffene Gewohnheiten zu ändern?
  • Möchte ich mich mit meinem emotionalen Hunger beschäftigen?
  • Ist es mir ein Anliegen, achtsamer zu werden in allen Lebensbereichen?
  • Bin ich bereit, meine Komfortzone zu verlassen und Dinge bei mir zu verändern? In meiner Partnerschaft, mit meinen Kindern, mit meinen Eltern, in meiner Arbeit, in meinem Alltag, Zeiteinteilung, Tempo, Pausen? (um weniger emotional essen zu müssen)
  • Möchte ich emotional wachsen im Sinne von erwachsener werden, reifere Stress- und Konfliktlösestrategien entwickeln?

Und da wir glauben, dass manche Themen professionelle Unterstützung brauchen, möchten wir Ihnen noch folgende Frage mitgeben:

  • Muss ich meine Probleme um jeden Preis alleine lösen? Bin ich bereit zu akzeptieren, dass ich kompetente Hilfe brauche? Die eventuell auch Geld kostet?

es ist eine Reise

Heißt schlank = gesund?

Es kann sein, dass Ihnen all das, was wir beschreiben, zu mühsam ist und Sie denken:

“In Wirklichkeit habe ich keine Lust auf Veränderung. Ich fühle mich gesund genug und mag mich, wie ich bin”.

Leider stößt man in unserer Gesellschaft mit solch einer Einstellung viel zu oft auf Unverständnis. Hier braucht es eine Menge Selbstvertrauen oder auch eine gewisses Egal-Gefühl hinsichtlich Kommentaren anderer.

Hierzu sei gesagt: Es gibt mittlerweile einige Studien, die belegen, dass Gesundheit und Langlebigkeit nicht vom Gewicht abhängen, sondern von folgenden 4 Faktoren:

  • regelmäßige Bewegung
  • eine vielseitige Ernährung mit reichlich Gemüse
  • Maß halten bei Alkohol und Nikotin
  • ein guter Umgang mit Stress

Vielleicht ist es notwendig, die Begriffe “Schönheit” und “Gesundheit” in unseren Köpfen neu zu definieren?

Vielleicht dürfen wir uns endlich akzeptieren wie wir sind?

Es geht darum, dass wir uns wohl fühlen, statt ein Ideal zu erreichen.

Vielleicht hören wir irgendwann auf, Ansprüchen von außen zu folgen und stattdessen zu fühlen, was wir wirklich wollen? Auch das ist erlaubt.

Was wollen Sie wirklich?

Es ist Ihr Leben, Sie dürfen Ihre Entscheidungen dafür bewusst treffen, statt in einer Position der Ohnmacht, des Aushaltens und der Selbstabwertung zu verharren und zu leiden .

Abschlussworte

Candida Kraus antwortete auf unseren Artikel:

Liebe Frau Wollinger, liebe Frau Münstermann,

wow, vielen Dank, das ist ja eine sehr ausführliche und umfassende Antwort. Tausend Dank für diese Mühe! Ich habe das gelesen, hier am Urlaubsort, und habe mich gleich danach ins Auto gesetzt um eine Runde zu weinen.

Weil es schockierend aber auch heilsam war zu hören, dass es ohne Reglementierung nicht geht. Aber, das habe ich verstanden, Reglementierung in Liebe, für mein Wohlbefinden. Das schwingt sofort in mir nach, das berührt mich. Diesen Weg hatte ich nach dem Lesen ihres Buches bereits angeschlagen, nämlich zu schauen, was mein Körper wirklich braucht und ob ich ihm das überhaupt gebe.

Und, zu meiner Überraschung gibt es zwei eindeutige Punkte, die nicht so sind wie ich dachte. Sehr oft esse ich nicht was ich brauche, und zwar nicht, weil ich mich für den Zuwinker entscheide oder so, sondern weil es in meinem Alltag mit fünf Kindern ein zusätzlicher Aufwand ist für mich noch etwas anderes zum Essen zu machen. Ich sehe, dass es wichtig ist, hier mehr für mich zu gehen und meine Essbedürfnisse ernster zu nehmen.

Zum Beispiel hätte ich lieber Gemüse, überhaupt würde ich am liebsten gekochtes Gemüse essen, aber die Kinder wollen Kartoffeln und Reis und Fleisch usw., dann koche ich eben das und esse das auch.

Das zweite ist, dass ich festgestellt habe, dass ich mich jeden Abend überesse, also nicht enorm, mein Bauch kneift nicht danach, aber ich ignoriere das zarte Stimmchen des ersten Sättigungssignals und sage: ‚Auf keinen Fall höre ich jetzt auf‘.

Beim Lesen der Fragen summte am meisten das Essen als Süße, Fülle und Intensität. Passt gut dazu, dass ich große Mühe habe, meinen Schmetterling auszufüllen. (Anmerkung: Das ist eine Übung aus dem Buch „Essanfälle adé“) Ich weiß nur zwei bis drei Dinge, die mir gut tun und nur zwei bis drei Dinge, die ich mag.

Ich sehe, der Weg ist noch lang, aber ich bin sehr motiviert weiter zu gehen, ich werde die Punkte, die ich neu entdeckt habe in Angriff nehmen und bin gespannt wohin mich das führt.

Zum Weiterlesen:

Weblinks:

Buchtipps:

  • Olivia Wollinger: „Essanfälle adé“ *: Sie erfahren in diesem Buch, wie Sie wieder lernen, Ihren Hunger und Sättigung zu spüren und wie Sie ihren physischen vom Ihrem emotionalen Hunger unterscheiden können.
  • Linda Bacon: Health At Every Size: The Surprising Truth About Your Weight *. Die Autorin hat auch eine Webseite, allerdings auf Englisch. Die Grundaussage ist: Fange sofort an, etwas für deine Gesundheit zu tun, warte nicht auf schlanke Zeiten. Gesundheit hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, Abnehmen ist nicht das Wundermittel, als das es überall angepriesen wird. 
  • Wie neugeboren durch modernes Ayurveda: Zum Abnehmen und Entgiften *: Das Buch wurde von einer Neurologin geschrieben, die auch ausgebildete Ayurveda Ärtzin ist. Sie erklärt darin die Zusammenänge zwischen Ernährung und Gehirnfunktion und schlägt eine DIY Kur vor. Was ich kritisch finde ist, dass sie den Abnehmerfolg garantiert. Falls eine Essstörung vorliegt, ist das Thema viel komplexer. 

Filmtipp:

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2018-08-13T10:51:35+00:0024 Juli, 2018|Emotionales Essen|1 Kommentar

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Ein Kommentar

  1. Milena 30. Juli 2018 um 15:30 Uhr - Antworten

    Vielen Dank für diesen tollen, ausführlichen Artikel! Ich bin grad in einem neuen Bewusstseinswerden-Prozess und so vieles schwingt mit! Mein Kopf sagt öfters: mmmh, das muss ich essen, das kenn ich von meiner Kindheit und das schmeckt sooooo lecker! Wenn ich es dann aber esse, sagt mir mein Körper: uj, das ist mir aber viel zu süss, fettig, schwer… und ich esse nur wenig davon oder lass es stehen. So bin ich ständig in liebevoller Kommunikation mit meinem Körper und übe das. Es fühlt sich an, als würd ich zu mir finden, ein tiefes Gefühl, das mir fast die Tränen hervorkitzelt.

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